1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Schlichten statt richten

Unterallgäu

15.04.2019

Schlichten statt richten

Lucia Scholz und Ulrich Glöggler arbeiten als Güterichter.
Bild: M. Diemand

Im wenig bekannten Güterichterverfahren steht nicht das Gesetz, sondern Zwischenmenschliches im Vordergrund

Wem steht welcher Teil des Erbes zu? Wer darf die gemeinsamen Kinder wie oft sehen? Und was haben die Äste des Nachbarbaums auf dem eigenen Grundstück verloren? Hunderte zivilrechtliche Prozesse finden vor den Allgäuer Gerichten jedes Jahr statt. Ein Streitrichter bewertet dabei den Sachverhalt und fällt auf Grundlage der Gesetze sein Urteil. Was viele nicht wissen: Er kann seine Fälle auch an einen sogenannten Güterichter weitergeben. In einem solchen Verfahren ist dann Raum für all das, was vor dem Streitrichter hinten anstehen muss: Gefühle, persönliche Probleme und Zwischenmenschliches. Ziel ist es dabei immer, gemeinsam einen Vergleich auszuarbeiten.

Es geht um mehr als nur die rechtliche Wertung

„Ich habe als Streitrichterin oft gesehen, dass hinter einem Konflikt viel mehr steckt als die rechtliche Wertung. Aber Emotionen hatten da wenig Platz“, sagt Lucia Scholz. Sie ist seit zehn Jahren neben ihrer Haupttätigkeit als Streitrichterin auch Güterichterin am Kemptener Amtsgericht. Damals war das noch ungewöhnlich, seit 2013 muss aber jedes Gericht ein Güterichterverfahren anbieten. Voraussetzung dafür ist, dass alle Beteiligten, also Kläger, Beklagte, Anwälte und Richter, einverstanden sind. Ist das der Fall, beginnt das Güterichterverfahren, zusätzliche Kosten entstehen dabei nicht.

Bei den Verfahren geht es vor allem um eines: Kommunikation. Denn oft ist der Streit um Geld oder Besuchszeiten nur das vordergründige Problem. Ursachen für den Konflikt sind häufig Dinge wie fehlende Wertschätzung oder frühere Streitigkeiten. „Da wird am Anfang manchmal um jeden Cent gestritten und am Ende spielt Geld kaum noch eine Rolle“, sagt Scholz.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Das weiß auch Ulrich Glöggler. Er ist Güterichter am Kemptener Landgericht und hat wie Scholz schon viele Gespräche mit zerrütteten Familien und anderen zerstrittenen Parteien geführt. Dafür haben die beiden eine Zusatzausbildung absolviert. Sie leiten die Gespräche und verwenden verschiedene Techniken, um den eigentlichen Problemen auf den Grund zu gehen. Beispielsweise wird aufgeschrieben, wem was wichtig ist. Die verschiedenen Bedürfnisse werden an einer Tafel visualisiert. Auch Einzelgespräche gehören dazu.

Alle Gespräche sind vertraulich

„Ein Vorteil bei uns ist, dass alle Gespräche vertraulich sind“, sagt Glöggler. Vor dem Streitrichter werde gerade bei Sorgerechtsfällen manches zurückgehalten. Die Betroffenen stellten taktische Überlegungen an, was sie sagen. Sie fürchteten, dass ihnen ihre Aussagen negativ ausgelegt werden könnten und sie in der Entscheidung benachteiligt werden. Güterichter dagegen fällen keine Urteile, sondern arbeiten mit allen Parteien an einer gemeinsamen Lösung. „Die Erfolgsquote liegt bei etwa 70 Prozent“, sagt Glöggler. Wenn ein Vergleich ausgehandelt wurde, ist dieser rechtlich bindend. Kommt es zu keiner Einigung, geht der Fall zurück an den Streitrichter. Was im Güterichterverfahren besprochen wurde, wird nicht weitergegeben.

Manchmal aber ist alles viel leichter, sagt Scholz. Wie im Streit um ein Haustier, das zu oft Ausflüge auf das Nachbargrundstück gemacht hat. Am Ende stellte sich heraus: Eigentlich war der eine Nachbar nur sauer auf den anderen, weil der nie zurückgegrüßt hat. Konnte er auch nicht. Er war schwerhörig und hat sein Gegenüber nicht verstanden.

In Memmingen waren Güterichter 22 mal im Einsatz

Am Kaufbeurer Amtsgericht sind vier Güterichter tätig, in Kempten gibt es an Amts- und Landgericht fünf, in Memmingen vier. Über 8500 neue Zivilverfahren gingen bei den Allgäuer Gerichten 2018 ein, nur bei einem Bruchteil davon sind Güterichter zum Einsatz gekommen. Am Memminger Landgericht war das bei 1800 Verfahren 22 Mal der Fall. „Die Tendenz ist steigend. Aber das ist ein Instrument, von dem man deutlich mehr Gebrauch machen könnte“, sagt der Memminger Güterichter Jürgen Brinkmann.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren