Buch

14.10.2016

Dicht(er) dran

Poet bei der Arbeit: Marco Kerler an seinem Messestand.
Bild: Edition Dreiklein

Marco Kerler bat für sein Projekt „Volkslyrik“ Messebesucher zur Sprechstunde

Manche Schriftsteller verfassen ihre Texte wie ein Angestellter: Morgens Büro, schreiben, Mittagspause, weiterschreiben, Feierabend. Thomas Mann war so einer. Der Ulmer Lyriker Marco Kerler gehört eigentlich nicht in diese Kategorie. Bei der Messe „Kunstschimmer“ im März machte er aber eine Ausnahme: Für sein Projekt „Volkslyrik“ setzte er sich neun Tage lang acht Stunden täglich (mit kurzen Pausen) an einen Tisch. Jeder, der vorbeikam, konnte sich mit Kerler unterhalten, der aus den Gesprächen dann kurze Gedichte destillierte, 100 an der Zahl. Die sind nun auch als Buch erschienen.

Wenn der 31-Jährige heute an die Aktion zurückdenkt, erinnert er sich an die Mühen, die sie ihm bereitete – aber auch an die guten Erfahrungen. Nun ist Kerler einer, der gerne spontan arbeitet – wichtige Einflüsse für ihn sind die Slam-Poesie und die Cut-up-Lyrik der Beatniks. Aber „Volkslyrik“ war anders. Die Idee: Er wollte Gedanken, Erinnerungen und Wünsche der Besucher sammeln. Die Gedichte sollten in einer auch für Nicht-Lyrikfans nachvollziehbaren Sprache und mit einem positiven Grundton geschrieben sein. „Das ist bei mir sonst nicht unbedingt so“, sagt Kerler mit einem Lachen.

Natürlich: Viele trauten sich nicht, die Dichter-Sprechstunde in Anspruch zu nehmen. Doch Kerler hörte trotzdem traurige Geschichten, von schlimmen Kindheitserinnerungen, Gewalt, Alkoholsucht, Depression. Kerler: „Da hat man als Dichter plötzlich eine ganz andere Verantwortung.“ Aber auch viel Amüsantes hat er festgehalten: etwa die Ankündigung eines Touristen, keinesfalls den Münsterturm besteigen zu wollen („nur sicher nicht / bis oben rauf / nur gucken / nur gucken / bis oben rauf“). Manche Adressaten sind anonym, andere in der Ulmer Kulturszene gut bekannt: etwa AdK-Chef Ralf Rainer Reimann oder Kurator Tommi Brem.

Den bei Martin Gehrings Edition Dreiklein erschienene Band „Volkslyrik“ hat Marion Hartlieb liebevoll gestaltet: Jedes einzelne Gedicht wurde grafisch aufbereitet. Dazwischen gibt es Illustrationen von Benjamin Baumann. Heute, Freitag, stellt Kerler das Buch um 19 Uhr in der Buchhandlung Jastram vor. Dort und unter dreiklein.de ist es für 14 Euro erhältlich. (mgo)

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