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Bühne

12.05.2015

Ein Heiliger aus Fleisch und Blut

Kompromisslos gut: Alberto Fortuzzi als Franziskus.
Bild: Florian L. Arnold

Das Theater Rotwelsch gastiert beim „Brett im Schtoi“ mit einer fabelhaften Version von Dario Fos „Franziskus“

Ein Heiliger war Franz von Assisi (1182-1226) nicht von Anfang an. Der Sohn eines reichen Tuchhändlers liebte ausgelassene Feste und warf mit dem Geld nur so um sich. Doch Unruhen in seiner Heimatstadt Assisi brachten den erst 15-jährigen dazu, sich dem rebellierenden Volk anzuschließen. Hierbei kam es zu einem folgenschweren Unfall: Franz geriet zwischen die Glocken der Kirche; mehr tot als lebendig brachte man ihn in den väterlichen Weinkeller. Doch Franz überlebte und war danach ein anderer. Er entkleidete sich in der Kirche, beschenkte die Bettler großzügig und umarmte Leprakranke. Sein größter Traum: das Evangelium mit seinen Freunden verkünden – ganz im Stile der Erzähler. Die Kirche wusste mit ihm nichts anzufangen, und Papst Innozenz II. riet dem vermeintlichen Gaukler entnervt, er solle „den Schweinen predigen“. Soweit die Legende um den Heiligen, die nun im Zentrum eines ungewöhnlichen Gastspiels beim „Brett im Schtoi“ stand. Dort gastierte das Theater Rotwelsch aus Reutlingen mit „Franziskus – Gaukler Gottes“ von Dario Fo.

Der für seine Provokationen bekannte, italienische Literaturnobelpreisträger hatte bei seinem Stück keineswegs im Sinne, sich der religiösen Verklärung zuzuwenden. Er erkannte in der Legende des Franz von Assisi vielmehr einen Stoff, der das Dilemma der heutigen Kirche offenbart, in der alle emanzipatorischen Bestrebungen erstickt und deren moralischer Anspruch immer wieder den menschlichen Gelüsten nach Geltung, Einfluss und Besitz erliegt. Fo erzählt also die Geschichte des atypischen Heiligen als süffiges und scharfzüngiges Märchen voller schillernder Figuren. Aus den vorwiegend komödiantischen Szenen schält sich bald eine echte Heldensaga heraus: Franz wird mehr und mehr zu einer Allegorie auf Jesus, der von der Amtskirche wohl auch in die Abteilung der Narren und Ketzer verwiesen worden wäre.

Das Stück in der Inszenierung von Winni Victor lebt von der furiosen Schauspielkunst des italienischen Theatervollbluts Alberto Fortuzzi. Dieser erschafft mit ausschöpfender Gestik und Mimik den Kosmos des Franz von Assisi nahezu ohne Bühnenbild. Dennoch sieht man wie im Zauberspiegel alles vor sich: die unterschiedlichen Menschen, das Land, das Vergehen der Zeit. Fortuzzi kreischt und weint, lacht und singt, bringt in einem Mix aus Groteske und feiner Charakterzeichnung das Publikum dazu, sich ganz und gar auf die ungewöhnlich erzählte Geschichte einzulassen. Dabei findet er in Klaus Wuckelt an der Lyra und im lieblichen, das zum Teil ungewohnt direkte Schauspiel kontrastierenden Gesang des Countertenors Johannes Reichert kongeniale Unterstützer. Fortuzzis Deutsch mit starkem italienischen Akzent erzeugt eine Sprachmusik, die das Eintauchen in die Geschichte nicht hemmt, sondern im Gegenteil eine fesselnde Theatralik erzeugt.

So ging diese Geschichte wirklich in Herz und Hirn und endete mit einem wiederum eigenwilligen Moment: Nach zahlreichen Augenblicken des Lachens und der deftigen, fast schon märchenhaften Legendenbildung verklingt die Geschichte zart, lyrisch, ernst mit letzten Tönen der Musiker. Eine außergewöhnliche Theatererfahrung.

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