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Edwin-Scharff-Museum

07.02.2018

Ein Künstler blickt auf einen Künstler

Mitten im Aufbau: Stefan Wissel vor der Wand mit Zeichnungen Edwin Scharffs, die er für seinen Raum im Neu-Ulmer Museum ausgewählt hat.
Bild: Alexander Kaya

Stefan Wissel präsentiert in einem eigenen Raum eine ganz persönliche Auswahl von Werken des Namensgebers. Er selbst arbeitet allerdings völlig anders als der prominente Neu-Ulmer

Der Künstler Stefan Wissel lebt und arbeitet schon seit vielen Jahren in Düsseldorf. Und natürlich kennt er die beiden „Rossebändiger“ aus Granit, die am Eingang des dortigen Nordparks stehen. Was er früher nicht wusste: Es handelt sich bei den monumentalen Figuren um Werke von Edwin Scharff (1887-1955). „Das war mein erster Kontakt mit ihm“, erinnert sich Wissel. Inzwischen kennt er den Bildhauer, Zeichner und Maler wohl besser als die meisten seiner Kollegen: Für das Edwin-Scharff-Museum hat sich Wissel mit dem Werk des großen Neu-Ulmers intensiv auseinandergesetzt – und einen eigenen Raum in der Dauerausstellung konzipiert.

Die Idee einer Zusammenarbeit mit dem gebürtigen Hamburger, der an der Uni im nordrhein-westfälischen Siegen Professor für Kunst ist, hatte Museumsleiterin Helga Gutbrod schon vor Jahren. 2012 trat die Künstlerin Vera Lossau temporär in Dialog mit Scharff, Wissel sollte ihr nachfolgen. Doch weil der Museumsumbau dazwischenkam, ist seine Auseinandersetzung mit dem Namensgeber des Hauses nun Teil der neu gestalteten Dauerausstellung. „Wir wollten zeigen, dass das, was wir ausstellen, nur ein sehr kleiner Teil einer großen Sammlung ist – und außerdem eine Art von Interpretation“, erklärt Gutbrod. Anders als das Museum, das einen kunsthistorisch geordneten Gesamtüberblick über das Schaffen Scharffs bieten muss, kann der Künstler streng subjektiv auswählen.

Eine Chance, die Wissel gerne genutzt hat. Oder besser: noch immer nutzt. Denn der Raum befindet sich nun, zwei Wochen vor der Wiedereröffnung am Petrusplatz, noch im Aufbau. Fertig ist die Hängung mit Zeichnungen aus der Sammlung. Wissel hat sich dafür, teils digital, teils „analog“ vor Ort, durch den rund 8000 Blätter umfassenden Bestand gearbeitet. In die Endauswahl geschafft haben es knapp 30, die nun an einer zitronengelb-weiß schraffierten Wand hängen. „Mit der Farbe wollte ich auf die Besucher zugehen, direkt Kontakt aufnehmen“, sagt der Künstler. Bemerkenswert ist aber vor allem die Werkauswahl: Die Zeichnungen stammen überwiegend aus der Frühphase Scharffs und zeigen diesen von einer manchmal überraschenden Seite – leicht, elegant, persönlich. Keine einzige Pferdedarstellung ist dabei, dafür einfühlsame Porträts, ein jugendstilhafter Pfau, eine Zirkusnummer mit Zebra und ein Porträt von Scharffs Spitz. Man spürt: Der Neu-Ulmer war ein vielseitiger Künstler – und hätte, wenn sein Leben anders gelaufen wäre, auch ganz anderer Künstler werden können. Vor allem aber ist er, wie Wissel sagt, auch heute noch interessant: „Für mich ist es egal, ob er vor 100 Jahren gelebt hat oder ob er heute lebt.“

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Inhaltlich verbindet Wissel wenig mit Scharff. Der Düsseldorfer ist kein klassischer Bildhauer oder Zeichner, er baut Objekte und Installationen aus Alltagsobjekten wie Kleiderstangen oder Fahrradständern. Er ist eher einer, der minimalistisch in Räume eingreift – und mit einem Augenzwinkern auf Gegenstände blickt. Im Neu-Ulmer Museum zeigt sich dies vor allem in den Wandregalen, auf denen zur Eröffnung kleine Terrakotta-Modelle von Scharffs Großskulpturen und -plastiken stehen werden. Ohne die Tonarbeiten wirken sie wegen der zunächst willkürlich gesetzten Montageschienen fast funktionslos. Wissel geht es, wie er sagt, um „die Schönheit der Dinge“. Natürlich weiß er um den Balanceakt, sowohl Scharffs Werk zu begleiten, als auch selbst als Künstler erkennbar zu bleiben. Museumsleiterin Gutbrod ist schon jetzt sehr angetan: „Da kommt für mich unglaublich viel in Bewegung.“

Der Raum in der Dauerausstellung ist nicht der einzige Beitrag Wissels zum Museum. Für das neue Café hat er am Computer eine sieben Quadratmeter große Wandarbeit geschaffen – eine Montage aus Bildern von Arbeiten Scharffs. Wissels Blick auf das Werk seines Kollegen fällt künftig Besuchern schon beim Betreten des Edwin-Scharff-Museums ins Auge.

Das Haus wird am 23. Februar wiedereröffnet.

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