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Ulm

21.01.2020

Laut Studie landen AfD-Wähler und junge Erwachsene in der Filterblase

Eine Studie der Uni Ulm zeigt, dass AfD-Wähler nur wenige Nachrichtenquellen nutzen.
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Eine Studie der Uni Ulm zeigt, dass AfD-Wähler nur wenige Nachrichtenquellen nutzen.
Bild: Daniel Karmann, dpa

Die Uni Ulm hat den Zusammenhang der Persönlichkeit mit genutzten Nachrichtenquellen untersucht

Junge Menschen, die sich ausschließlich über Newsfeeds sozialer Medien informieren, haben ein vergleichsweise hohes Risiko, in der eigenen Meinungsbildung gestört zu werden. Der Grund: Weil sie in eine Filterblase geraten. Darin ist man gefangen, wenn man nur mit der eigenen Meinung konfrontiert wird, nie die Gegenseite dargestellt bekommt, immer nur bestätigt wird und die kontroverse Diskussion eines Themas verpasst.

AfD-Wähler konsumieren wenig Nachrichtenquellen

Für eine jetzt erschienene Studie haben Psychologen der Universität Ulm die Anzahl der genutzten Nachrichtenquellen im Online- und Offlinebereich als Indikator für dieses Risiko erhoben. Dabei konnten sie unter anderem zeigen, dass Nicht- und AfD-Wähler sowie Unterstützer sonstiger kleiner Parteien die wenigsten Nachrichtenquellen konsumieren. Und somit in einer Blase gefangen sein könnten. Die Studie, in der Forschende zusätzlich den Zusammenhang von demografischen Merkmalen, der Persönlichkeit und autoritären Einstellungen mit der Anzahl genutzter Nachrichtenkanäle untersuchen, ist in der Fachzeitschrift Heliyon erschienen.

Bei Google-Suchanfragen oder im Newsfeed von sozialen Medien werden Nutzern Informationen angezeigt, die ein Algorithmus für sie vorselektiert hat. Diese auf ihre mutmaßlichen Interessen abgestimmten Inhalte bergen die Gefahr sogenannter „Filterblasen“. Das Problem: Individuen wissen nicht, welche Daten über sie gesammelt werden, können die Nachrichtenauswahl also nicht beeinflussen und halten die selektierten Informationen oft für ungefiltert. Gerade wenn es um aktuelle Nachrichten geht, werden solche Blasen in Politik und Wissenschaft als potenziell „demokratiegefährdend“ diskutiert. Eine weitere Folge der Personalisierung im Internet sind „Echokammern“, in denen ausschließlich und wiederholt Inhalte dargeboten werden, die zur Meinung der Nutzer passen und diese verstärken.

Laut Studie landen AfD-Wähler und junge Erwachsene in der Filterblase

Hinweise auf das Risiko geben, in eine Blase oder Echokammer zu geraten

Hierfür bieten soziale Medien wie Facebook, wo sich ähnlich denkende Menschen vernetzen, den idealen Nährboden. Allerdings können Nutzer Filterblasen und Echokammern vermeiden, wenn sie sich zum Beispiel aus verschiedenen Quellen informieren. Die Anzahl der konsumierten Nachrichtenquellen und die Kategorie dieser Kanäle (etwa Newsfeed, Online-Nachrichtenseite, Printmedium oder TV) können also Hinweise auf das Risiko geben, in eine Blase oder Echokammer zu geraten. Inwiefern demografische Merkmale wie Alter und Geschlecht, die Persönlichkeit und Einstellungen die Auswahl von Informationsquellen beeinflussen, haben Forschende um Dr. Cornelia Sindermann und Professor Christian Montag von der Universität Ulm untersucht.

Dafür haben die Psychologen Daten von 1681 Probanden, die über eine Online-Plattform erhoben wurden, ausgewertet. Die Studienteilnehmenden sind gefragt worden, ob sie Nachrichten im Internet, im TV oder Radio, in Printprodukten oder über den Newsfeed sozialer Medien konsumieren. Dabei sollten sie angeben, wie viele Quellen aus den angegebenen Kategorien sie in den vergangenen sechs Monaten genutzt haben.

Ausgehend von diesen Daten konnten die Forschenden die absolute Anzahl der verschiedenen konsumierten Nachrichtenquellen erheben sowie drei Gruppen bilden: Erstens Personen, die sich ausschließlich über den Newsfeed sozialer Medien informieren und zweitens Probanden, die neben dem Newsfeed weitere Online-Medien nutzen. Die dritte Gruppe konsumiert Nachrichten ausschließlich offline, also über Print, TV und/oder Radio. Probanden, die sich sowohl online als auch offline informieren, sind nicht in die statistischen Analysen eingegangen, denn diese Gruppe informiert sich offenbar ausgewogen über das Tagesgeschehen. Um die Persönlichkeit und Einstellung der Studienteilnehmenden einschätzen zu können, wurden Ausprägungen in den Big Five -Merkmalen (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) ebenso erhoben wie das Ausmaß autoritärer Einstellungen. Zuletzt sind die Teilnehmenden gefragt worden, welche Partei sie wählen würden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre.

Die Auswertung ergab, dass ältere Studienteilnehmende insgesamt mehr Nachrichtenquellen nutzen als jüngere. Zudem konsumieren Männer eine höhere Anzahl an Informationskanälen als Frauen. Was ihre Persönlichkeit angeht, scheinen Personen, die mehrere unterschiedliche Quellen nutzen, im Vergleich offener und weniger autoritär eingestellt zu sein.

„Die Newsfeed-Gruppe hat das größte Risiko, in einer Filterblase oder Echokammer gefangen zu werden: Mitglieder nutzen nur eine Art von Nachrichtenquelle, in der auch noch potenziell stark selektierte Informationen angeboten werden. Dazu kommt die für soziale Medien typische eigene Selektion, die die Vorauswahl durch Algorithmen noch einmal potenzieren kann“, erklärt Cornelia Sindermann. Allerdings seien weniger als fünf Prozent der Befragten dieser ausschließlichen „Newsfeed-Gruppe“ zuzurechnen.

AfD-Wähler haben die höchsten Werte bei autoritären Einstellungen

Doch wie hängen diese Ergebnisse mit Wahlpräferenzen zusammen? In der Studie geben Personen, die die AfD, eine sonstige Partei oder gar nicht wählen würden, die niedrigste Anzahl konsumierter Nachrichtenquellen an. Im Vergleich zu anderen Probanden zeigen AfD-Wähler zudem die höchsten Werte bei autoritären Einstellungen.

Die Psychologen kommen zu dem Ergebnis, dass demografische Variablen, Persönlichkeitsmerkmale und die individuelle Einstellung mit der Anzahl genutzter Nachrichtenquellen zusammenhängen. Allerdings sehen die Forschenden nur bei einer relativ kleinen Gruppe die große Gefahr, tatsächlich in Filterblasen oder Echokammern zu geraten.

In einem neuen Projekt wollen die Psychologinnen und Psychologen der Uni Ulm untersuchen, ob das Erkennen von „Fake News“ im Gegensatz zu „wahren Nachrichten“ ebenfalls mit dem Nachrichtenkonsum zusammenhängt. Die Datenerhebung ist bereits angelaufen. Interessierte können unter www.fake-news-test.de teilnehmen.

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