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Attenhofen

25.04.2015

Plötzlich standen die Panzer im Garten

Klothilde Glogger (Bild links unten) erzählt ihren Enkelkindern (im Bild: Vinzenz und Josephine), die sich für die erlebnisse ihrer Großmutter interessieren, oft von den Ereignissen 1945. Damals war sie ein junges Mädchen (Bild rechts unten, hintere Reihe, erste von links, von 1944) und erlebte in Attenhofen (Bild oben zeigt eine Postkarte des Ortes) die Bombenangriffe.
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Klothilde Glogger (Bild links unten) erzählt ihren Enkelkindern (im Bild: Vinzenz und Josephine), die sich für die erlebnisse ihrer Großmutter interessieren, oft von den Ereignissen 1945. Damals war sie ein junges Mädchen (Bild rechts unten, hintere Reihe, erste von links, von 1944) und erlebte in Attenhofen (Bild oben zeigt eine Postkarte des Ortes) die Bombenangriffe.
Bild: Glogger

Zweiter Weltkrieg: Klothilde Hönle erinnert sich noch genau an die vielen Soldaten, die lauten Sirenen und die Bomben am 25. April 1945. Der Tag aus Sicht der 81-jährigen Attenhoferin

Attenhofen – 25. April 1945: Bomben prasseln vom Himmel herab, Schüsse peitschen durch die Gassen, Sirenen heulen: In Attenhofen ging kurz nach Mittag die Welt unter – zumindest fühlten sich die amerikanischen Luftangriffe wohl so an. Klothilde Hönle (geborene Glogger) hat ihre Erinnerungen an diesen Tag vor heute genau 70 Jahren aufgeschrieben:

Es war ein warmer sonniger Apriltag. Das Gras war schon hoch gewachsen, Löwenzahn blühte, wir Kinder konnten draußen schon barfuß laufen. Den ganzen Vormittag und mittags waren Wehrmachtssoldaten in der Rotgasse (heute Witzighauserstraße) unterwegs. Bei uns im Hof vor dem Stadel waren Soldaten damit beschäftigt, das Holz für die Lastwagen zu spalten, die mit Holzvergaser angetrieben wurden. Auch Sanitäter waren da, eine Rotkreuzfahne hing am Zaun. Die feindlichen Flieger hatten dies alles längst beobachtet. Auf einmal heulten die Sirenen, Fliegeralarm!

Attenhofen sollte das Ziel feindlichen Flieger werden: Brandbomben prasselten vom Himmel, Schüsse fielen, wir waren mitten im Krieg! Das Militär war verschwunden, unfähig, den Feind noch aufzuhalten. Es war 13.30 Uhr.

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Überall war Feuer und Rauch. Unser Dorf wurde bombardiert. Das Vieh musste gerettet werden und wurde einfach aus den Ställen getrieben. Wir rannten in den Keller beim „Fananda“ (Josef Huber) und suchten Schutz vor den Tieffliegern, die auf uns schossen. Nachdem auch der Schuppen über dem Keller brannte, flüchteten wir Kinder, etwa 12 bis 15 an der Zahl, über den Garten Richtung Bach. Eine Nachbarin war bei uns. Die kleine Brücke war unser Schutz. Wie kauerten uns zusammen, weinten und beteten zum Schutzengel. Endlich wurde es ruhig und wir trauten uns aus unserm Versteck. Mein Vater suchte uns – Niemand wusste wo wir sind. Alle versuchten, zu retten, was zu retten war. Leben noch alle? Wie ein Wunder, kein Mensch kam ums Leben. Feuer, Rauch auch rund um die Kirche – doch unsere Kirche blieb verschont.

Das Haus, in dessen Keller wir zuerst Schutz gesucht hatten, war komplett abgebrannt. Überall Feuer – zum Beispiel beim Schlosser (Anton Engelhart), beim „Kirchawangler“ (Peter Vidal) oder beim „Sterkabaur“ der Stadel (Anton Müller).

In unserem Haus („innra Röscha“, Johann Glogger) in der Dorfstraße (heute St.-Lorenz-Straße) brannte es ebenso, die Kleehütte und der Wagenschuppen standen in Flammen, der Stadel und das Kutschenhaus, ein kleiner Schweinestall, Werkstatt und Rübenkeller. Im Haus löschte ein Feuerwehrmann aus der Nachbarschaft mit Sandsäcken, die im Haus verteilt standen. Im „Korahaus“ (Dachboden) waren einige Brandstellen, und die Treppe sowie ein Zimmer auf der Nordseite standen in Flammen. Unser Garten war voll mit Brandbomben, die sich nicht entzündet haben. Im gesamten Dorf gab es nur eine Feuerwehrhandspritze, daher versuchten Frauen mit Wassereimern, kleine Brandherde selbst zu löschen. Nirgends gab es mehr Strom. Am Vormittag wollte mein Vater noch ein weißes Tuch am Kirchturm anbringen (als Zeichen für den Frieden) doch fanatische deutsche Soldaten drohten, ihn zu erschießen.

Aus Pfaffenhofen kommend fuhren die amerikanischen Panzer am nächsten Abend durch die Hecke in unseren Garten und blieben für eine Nacht – während am Haus immer wieder gelöscht werden mussten. Das Vieh war wieder im Stall, die Kühe wollten ja gemolken werden. Danach war Zeit zum „Brotessen“, wer alles um den Tisch saß, weiß ich nicht mehr. Eine Kerze spendete uns in der Dunkelheit Licht. Und plötzlich standen da zwei amerikanische Soldaten in unserer Küche, das Gewehr auf meinen Vater gerichtet. Da sprang der uns zugeteile französische Kriegsgefange Charles auf, stellte sich den Männern in den Weg und wehrte mit den Händen ab. Er nahm meinen Vater in Schutz mit den Worten „Bauer gut“. Das war unsere Rettung! So kamen wir mit dem Schrecken davon – die beiden Soldaten verschwanden.

Weil die Brandgefahr groß war, musste Nachtwache gehalten werden. Und wir, wir haben im Hausgang geschlafen. Es war eine schlimme Zeit, sorgenvolle Tage, der Krieg war vorbei – wir fragten uns: Wie sollte es weiter gehen? An Schulunterricht war nicht zu denken. Unsere Bücher waren weg, viele Lehrer waren geflohen. Ein Trost für unser Dorf war, dass die Kirche beim Angriff verschont blieb, so konnte Pfarrer Leonhard Fingerle täglich die Heilige Messe feiern.

Heute – genau 70 Jahre später – erzählt Klothilde Hönle ihren vier Kindern oder sieben Enkeln oft von den schrecklichen Ereignissen, aber auch von dem Moment, als sie erleichtert feststellte: Alle haben überlebt.

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