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Auftritt

30.10.2015

Putzlappen, Plisseekleid und Politik-Lügen

Rosemie Warth aus Bad Waldsee ist Hauptpreisträgerin des diesjährigen Kleinkunstpreises des Landes Baden-Württemberg. Im Roxy stand sie im Plisseekleid und mit weiß umhäkeltem Alphorn auf der Bühne.
Bild: Dagmar Hub

Sieger des diesjährigen Kleinkunstpreises Baden-Württemberg bringen abwechslungsreiches Programm auf die Bühne des Roxy

Es müssen nicht immer die bekannten Namen aus dem Fernsehen sein: Dass es in Schwaben richtig gutes Kabarett gibt - in all seinen Facetten - das zeigt die „Tour der Sieger“, die Tour der Kleinkunstpreisträger 2015 des Landes Baden-Württemberg. Beim Auftritt von vier der fünf diesjährigen Preisträger im Ulmer Roxy, moderiert vom Vorjahrespreisträger Roland Baisch, lachte sich das Publikum bei Rosemarie Warth schief; Martina Brandl kombinierte Berliner Schnauze mit schwäbischem Ursprung, bei René Sydow stockte bisweilen der Atem und der 44-jährige Olaf Bossi erinnert stark an Reinhard Mey vor gut 25 Jahren.

Hauptpreisträgerin des diesjährigen Kleinkunstpreises ist Rosemie Warth aus Bad Waldsee. Die 50-Jährige mixt ein Äußeres als verklemmte Schwäbin, geboren mitten in der Kehrwoche und praktisch mit dem Putzlappen in der Hand, mit Selbstironie und immensem Bewegungstalent. Im rosa Plisseekleid geht es altbackener kaum, aber was alles hinter dem begriffsstutzigen ersten Eindruck steckt: Die Wandlungsfähigkeit von einer, die quasi selbst den Putzlappen putzt, weit über den schwäbischen Tellerrand des Spätzleverputzens hinaus. Man lacht Tränen darüber, wie Rosemie Warth ihr weiß umhäkeltes Alphorn über dem Publikum schwenkt und erklärt, dass sie schon als Kind bei „Jugend häkelt für Olympia“ mitmachte, sich dann über die anonymen Häkler befreite und jetzt Bildschirmschoner aus Faden für Silicon Valley produziert.

Das Lachen blieb dem Publikum im Roxy bei René Sydow dagegen im Hals stecken. Der Radolfzeller, der auf der Bodensee-Halbinsel Höri aufwuchs, ist ein Intellektueller, ein scharfsinniger Denker, der bitterscharf Missstände anprangert. Zornig belegte er Politik-Lügen, umschrieb fast lyrisch die Stars des Fernsehalltags als Teilnehmer „semantischer Paralympics“ und wetterte über die Handy-App, die anzeigt, wo sich die nächste öffentliche Telefonzelle befindet. Der iPhone-Nutzer muss ja auch mal telefonieren können!

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Martina Brandl kehrte nach 20 Jahren in Berlin nach Süddeutschland zurück, wo sie 1966 in Geislingen geboren wurde. In der Radio-Comedy „Angie - die Queen von Berlin“ ist sie die Stimme von Angela Merkel. Wohl deshalb sind ihr die Dialekte der neuen Bundesländer ebenso vertraut wie die süddeutschen Idiome. Dass es in Sachsen schwierig zu unterscheiden ist, ob der Lipgloss nun „von dir“ oder „von Dior“ ist, war fürs Roxy-Publikum auch nicht leicht zu verstehen - die Probleme eines Schwaben in Bayern lagen den meisten Zuhörern näher.

Liedermacher - das ist ein Wort, das man mit Burg Waldeck und den 60er Jahren verbindet, mit Großen, von denen nur noch wenige auf der Bühne stehen wie Reinhard Mey und Hannes Wader. Olaf Bossi kann das Prädikat „Liedermacher“ inzwischen für sich reklamieren - mit der Gitarre in der Hand erinnert er an Reinhard Mey in den 80er Jahren. Sein Lied für seinen neugeborenen kleinen Sohn, der nicht einschlafen kann, sein „Ich hab die Handwerker im Haus“ oder das Lied über die total verunglückte Romantik eines Urlaubs zu zweit am Sandstrand einer südlichen Insel, aber mit Durchfall und Hotelzimmer-Aussicht auf den Müllberg - das hat Charme und Tiefgang, und man wünscht sich, den Stuttgarter Sohn italienischer Eltern öfter auf der Bühne zu erleben.

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