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01.07.2010

Sie verstehen sich auch ohne Worte

Seit fast einem Jahr arbeitet Theresa Gerner im Förder- und Betreuungsbereich der Doanu-Iller-Werkstätten in Senden. Nach dem Abitur entschied sich die heute 20-Jährige für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Täglich kümmert sie sich um Menschen wie Sandra Steinle, die aufgrund ihrer Behinderung Hilfe brauchen. Foto: Kathrin Kratzer
Bild: Kathrin Kratzer

Die Lebenshilfe Donau-Iller feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Die NUZ begleitet dieses Jubiläum mit einer Serie, die sich mit der Arbeit dieser Institution beschäftigt und zeigt, wie Menschen mit Behinderung heute am Alltagsleben teilnehmen.

Senden Pünktlich um neun Uhr geht für Karin die Sonne auf. Jeden Vormittag aufs Neue. Dann strahlt die Autistin mit ihr buchstäblich um die Wette. Endlich ist Essenszeit. Schnell bindet sich die 40-Jährige ihre bunte Schürze um den Hals und setzt sich voller Vorfreude an den schön gedeckten Frühstückstisch. Es sind die leisen und manchmal auch ganz unscheinbaren Signale, die Theresa Gerner an der Arbeit mit behinderten Menschen so lieb gewonnen hat.

Gerade am Anfang war die Kommunikation schwierig

Seit fast genau einem Jahr absolviert die 20-Jährige ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in den Donau-Iller-Werkstätten in Senden. Mittlerweile kann sie die kleinen Gesten deuten, das Glitzern in den Augen, das Lachen, jeden noch so unsicheren Blick. Theresa hat gelernt, warum Karin jeden Tag pünktlich um neun Uhr bis über beide Ohren zu strahlen beginnt. Noch vor einem Jahr sei das anders gewesen, erinnert sich die Weißenhornerin an die ersten Tage in der sozialen Einrichtung. "Am Anfang war die Kommunikation schwierig", sagt Theresa. In ihrer Gruppe, die sie gemeinsam mit einer Fachkraft betreut, spricht nur eine Patientin, alle anderen kommunizieren lediglich über Mimik und Gestik. Mit der Zeit habe sie einen Zugang zu der Lebenswelt der schwer geistig behinderten Menschen gefunden. Mittlerweile verstehen sie sich blind. "Es ist immer wieder erstaunlich, wie man auch ohne Sprache miteinander kommunizieren kann", hat Theresa im vergangenen Jahr erfahren.

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Gleich nach dem Abitur entschied sich die zierliche junge Frau für ein Freiwilliges Soziales Jahr. "Die Arbeit mit behinderten Menschen hat mich interessiert", sagt Theresa. Kurz darauf landete die frisch gebackene Abiturientin im Förder- und Betreuungsbereich der Donau-Iller-Werkstätten in Senden. Dort verbringen 18 schwer geistig behinderte Menschen von jung bis alt ihren Tag. "Es braucht Zeit, bis sie sich öffnen", blickt Theresa auf die ersten Tage in den Sendener Werkstätten zurück. Heute weiß sie, was es heißt, mit geistig behinderten Menschen zu arbeiten. Doch der erste Härtetest ließ nicht lange auf sich warten. Nach nur wenigen Tagen stirbt ein Gruppenmitglied mit nur 39 Jahren. Die interne Trauerfeier begleitet Theresa gemeinsam mit einem Zivikollegen mit ihrer Querflöte. "Das war schon ein einschneidendes Erlebnis", erzählt sie nachdenklich. Wie nah Leben und Tod in einem Behindertenheim manchmal beieinander liegen, habe sie dadurch gelernt.

Trotzdem geht die 20-Jährige jeden Tag immer wieder gerne in das freundliche Gebäude an der Goethestraße, das neben dem Betreuungsbereich für Schwerbehinderte rund sechs Werkstätten umfasst, in denen Menschen mit Behinderung einer ganz normalen Arbeit nachgehen. Sie fertigen unter anderem Caravanvorzelte.

Dass in nicht einmal sechs Wochen Schluss sein soll, kann Theresa noch nicht wirklich glauben. "Wenn man sich richtig eingelebt hat, ist das Jahr eigentlich schon wieder vorbei", sagt sie im Rückblick. Die Zeit sei unglaublich schnell vergangen. Sich von ihren Kollegen und Patienten zu verabschieden, werde nicht leicht, das weiß sie schon jetzt, schließlich seien ihr die Menschen alle ans Herz gewachsen. Doch auch Theresa wird schmerzlich vermisst werden.

Anschließend studiert sie Grundschullehramt

Als Bezugsperson haben sie die Autistin Karin und die anderen in der Gruppe in ihr Herz geschlossen. Bald müssen sie sich wieder an einen neuen Ansprechpartner gewöhnen. Im September kommen andere freiwillige Helfer und Zivildienstleistende. Gerade die Zivis machen den Donau-Iller-Werkstätten dabei Sorgen. Bei der Verkürzung ihres Dienstes auf nur noch sechs Monate bleibe kaum mehr Zeit für die jungen Männer, wirkliche Beziehungen zu den Menschen mit Behinderung aufzubauen, befürchtet Werkstättenleiter Roland Bader. Umso wichtiger werden Schulabgänger wie Theresa Gerner, die sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entscheiden, prophezeit er.

Die 20-Jährige jedenfalls hat ihre Entscheidung nie bereut. Im Gegenteil: Sie wird dem sozialen Bereich treu bleiben und Grundschullehramt studieren.

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