Newsticker
EMA gibt grünes Licht für Johnson-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Theater in Pfuhl: "Icebreaker" gegen Depression

Neu-Ulm

14.11.2019

Theater in Pfuhl: "Icebreaker" gegen Depression

Nur pubertäre Misslaune oder tatsächlich eine Depression? Dieser Frage gehen die acht Schüler der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Pfuhl beim interaktiven Theaterstück „Icebreaker“ nach. Das Publikum wird bei der Premiere heute Abend nach jeder der zehn Szenen einschätzen, ob die beiden Hauptfiguren unter den typischen Krankheitssymptomen leiden.
2 Bilder
Nur pubertäre Misslaune oder tatsächlich eine Depression? Dieser Frage gehen die acht Schüler der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Pfuhl beim interaktiven Theaterstück „Icebreaker“ nach. Das Publikum wird bei der Premiere heute Abend nach jeder der zehn Szenen einschätzen, ob die beiden Hauptfiguren unter den typischen Krankheitssymptomen leiden.
Foto: Christoph Lotter

Acht Schüler der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Pfuhl haben ein Theaterstück über Depression einstudiert. Am Donnerstagabend wird es zum ersten Mal aufgeführt – das Publikum wird dann zum Psychiaterkollektiv.

Eine kleine Wendeltreppe trennt die Bühne in der Aula der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Pfuhl in der Mitte. Links befindet sich eine Wohnung und rechts auch eine. Das harte Licht des Scheinwerfers wandert abwechselnd in eines der zwei minimalistisch angedeuteten Zimmer. Rechts liegen Kleidungsstücke wild verstreut auf dem Boden, links ist fein säuberlich aufgeräumt. Auf einem hölzernen Tisch ist jeweils ein Sessel montiert. Hoch oben auf diesen sitzen zwei Jugendliche: Anna und Robert. Beide sind 16 Jahre alt, beide sind in der Pubertät.

Sie sind die Hauptfiguren im interaktiven Theaterstück „Icebreaker“, das acht Pfuhler Realschüler aus der achten und neunten Klasse am Donnerstagabend zum ersten Mal öffentlich in der Aula aufführen werden. Das Stück begleitet die zwei Jugendlichen in ihrem Alltag. Beide haben maulende Eltern und Geschwister, beide erleben Schmerz und Wutausbrüche. Szenen wie das zähe Ringen der Eltern ums morgendliche Aufstehen, Aufräumaktionen im chaotischen Zimmer oder Schimpftiraden wegen schlechter Noten bestimmen die Handlung. Banal? Keineswegs. Im Verlauf des Stücks wird auch die Frage geklärt: Ist das Verhalten von Anna und Robert tatsächlich nur pubertärer Natur oder leidet einer der beiden unter den typischen Krankheitssymptomen einer Depression? Denn darum geht es in dem Projekt „Icebreaker“, um depressive Erkrankungen bei Jugendlichen.

Viele Jugendliche trauen sich nicht, über Depression zu sprechen

Eine Diagnose sei bei jungen Menschen allerdings schwierig, sagt Jean-Francois Drozak: „In der Pubertät ist es normal, sich abzuspalten, alleine sein zu wollen.“ Der Theaterpädagoge und Regisseur hat das Stück entwickelt. Es wurde von der AOK Bayern initiiert und speziell für Schulen konzipiert. Denn gerade dort müsse Aufklärungs- und Präventionsarbeit geleistet werden, sagt Drozak: „Die Zahl der psychisch erkrankten Jugendlichen steigt. Selbstmord ist ein heikles Thema – aber viele Jugendliche trauen sich nicht, darüber zu sprechen.“

Nur vier Tage lang probten die acht Realschüler für das Theaterprojekt. Heute Abend wird das Stück zum ersten Mal öffentlich in Pfuhl aufgeführt.
Foto: Christoph Lotter

Dieses Tabu zu brechen und Jugendliche und ihre Eltern über die Krankheit aufzuklären, ist das Ziel des Theaterstücks. Interaktiv wird es immer zwischen den zehn kurzen Szenen. Hier wird das Publikum kollektiv zur Einschätzung aufgefordert. Alle Zuschauer erhalten eine Checkliste, die typische Symptome der Krankheit auflistet: „Du hast das Vertrauen in deine Fähigkeiten verloren“ oder „Du triffst dich nicht mehr mit Freunden“ steht dort zum Beispiel geschrieben. Neben der Bühne steht eine Art Rechenbrett. Dort sammeln sich an zwei Seilen Kugeln – jeweils eines für jede der zwei Hauptfiguren. Trifft ein Symptom zu, bekommt die entsprechende Figur symbolisch eine Kugel. Das Verhalten von Anna und Robert ist allerdings sehr ähnlich, nur einer der beiden Figuren leidet jedoch tatsächlich an einer Depression. So soll das Publikum im Verlauf des Stückes sensibler für die Depression als Erkrankung werden, sagt der Regisseur.

Vier Tage lang probten die Realschüler das Theaterstück

Nach der Auflösung am Ende des Stücks wird auch die psychiatrische Behandlung thematisiert und aufgezeigt, wie konkret geholfen werden kann. Drozak sagt: „Depression ist eine ganz normale Krankheit und kann behandelt werden, wie ein gebrochener Fuß.“ Die Psychiatrie nennt er deshalb einen Ort der Heilung. Jugendliche hätten jedoch viel zu oft große Angst, über ihre Gefühle zu sprechen, sagt Drozak. „Das ist fatal und kann im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.“

Wie im Fall von Robert Enke. Der Fußball-Nationaltorhüter litt an einer Depression – vor zehn Jahren hat er sich das Leben genommen. „Auch heute geschehen immer wieder Selbstmorde von Schülern“, sagt Thomas Fiedler, Leiter der Theater-AG an der Pfuhler Realschule. Die Krankheit ist im Gegensatz zu damals aber in aller Munde. Vor ein paar Monaten gab es eine Petition an den bayerischen Landtag, das Thema Depression als Pflichtinhalt in die Lehrpläne aufzunehmen. „Dieses Projekt nimmt das quasi schon vorweg“, sagt Fiedler. Den Schwerpunkt des Theaterstücks sieht er im Erkennen, was Depression überhaupt ist. Für den Leiter der Theater-AG ist aber auch der pädagogische Aspekt wichtig: „Diese Woche bringt den Schülern mehr für ihr Leben, als der Unterricht – das ist unbezahlbar.“

Vier Tage lang probten die acht Realschüler das Stück gemeinsam mit dem Regisseur. Max spielt Robert, eine der zwei Hauptfiguren. „Es wird immer noch viel zu wenig über Depression gesprochen“, sagt er. „Icebreaker“ helfe, die Krankheit besser zu verstehen. „Viele Erkrankte legen im Alltag eine Maske auf, spielen etwas vor. Es ist schwer, darauf zu reagieren, wenn man nicht weiß, was Sache ist.“ Etwas einfacher ist es beim Theaterstück. Denn ob Anna oder Robert depressiv sind, klärt sich bei der öffentlichen Premiere am Donnerstag, 14. November, um 19 Uhr in der Aula der Inge-Aicher-Scholl-Realschule auf. Der Eintritt ist frei.

Das könnte Sie auch interessieren:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren