1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Theaterei im Zelt: Kunstsinn trifft Geschäftssinn

Blaustein

14.06.2018

Theaterei im Zelt: Kunstsinn trifft Geschäftssinn

Marion Weidenfeld und Sebastian Schäfer spielen furios in der Komödie von Stephen Sachs „Das Original“ in der Theaterei Herrlingen.
Bild: Florian L. Arnold

Die Theaterei zeigt in ihrem Zelt die Komödie „Das Original“ von Stephen Sachs:ein kluges Stück mit furiosen Darstellern über eine immer noch ungelöste Frage.

„Große Kunst ist die einzige Wahrheit“, dessen ist sich Kunstexperte Lionel Percy sicher. Auch, als er über Sperrmüll und zwischen wild kläffenden Hundemeuten hindurch zum „Mobile Home“ der abgebrannten Barkeeperin Maude Gutmann unterwegs ist. Mit einer Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Menschen aus sehr unterschiedlichen Milieus beginnt die Komödie „Das Original“, das derzeit im Theaterei-Zelt am Bad Blau gezeigt wird – und unbedingt sehenswert ist.

Mit Maude Gutmann möchte man nicht tauschen: Die eben gefeuerte Frau hat keinerlei Aussicht darauf, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Mehr noch: Schon an der übereuphorischen Art, wie sie den in dieser Umgebung völlig deplatzierten Kunstgutachter Percy begrüßt, ahnt man, dass sie mit dem Rücken zur Wand steht. Da braucht es schon ein Wunder, um die Dinge zum Guten zu wenden – und dieses Wunder soll Lionel bewirken.

Denn Maude hat unter all dem Plunder, den sie als passionierte Trödelmarktkundin angesammelt hat, etwas Außergewöhnliches: Ein verschollenes Gemälde von Jackson Pollock, dem Genie der Moderne.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Maude hat das Bild für drei Dollar mitgenommen, und nun ist sie sicher, dass es sich dabei um einen „echten Pollock“ handelt, der etliche Millionen einbringen könnte. Percy muss diese Echtheit nur bestätigen. Doch der wirft einen verächtlichen Blick auf das Bild, das bei ihm „kein Kribbeln“ auslöst und konstatiert: „eine Fälschung“.

Damit aber beginnt erst ein Kräftemessen zweier Charaktere, die beide ihre Überzeugungen und Hoffnungen haben und die in „Das Original“ denkbar krass aufeinanderprallen. Denn so nah Maude und Lionel sich im Laufe des anderthalbstündigen Abends auch kommen werden, so sehr sie sich am Ende sogar respektieren – die Gegensätze dieser beiden Menschen sind immens.

Marion Weidenfeld und Sebastian Schäfer spielen furios in der Komödie von Stephen Sachs. Verhandelt wird die ewige Frage, was denn Kunst ist und wer den Wert von Kunst festlegen darf. Wie der Autor und – in der Regie – Theaterei-Leiterin Edith Erhardt daraus eine grundsätzliche Frage nach dem Wert des Menschen machen, ist beachtlich, verlässt aber bald auch den Boden der klassischen Komödie.

„Das Original“ wird zur Milieustudie, zum psychologischen Kammerspiel, das Weidenfeld und Schäfer kongenial untereinander austragen.

Scharf und pointiert sind die Dialoge, aber es gibt keinen Anlass für lautes Lachen. Denn die anfangs noch stereotyp wirkenden Figuren Lionel und Maude werden im Ringen um die Frage nach dem Wert der Kunst zu plastischen Figuren, die ihre Verletzungen offenlegen.

Maude verlor den Sohn, der die Demütigungen durch seinen Vater nicht ertrug und Lionel stürzte über seine Hybris – der einstige „Papst der Kunst“ wurde wegen einer Fehleinschätzung zum einfachen Gutachter abgestuft.

Snob trifft Überlebenskünstlerin, High-Society prallt auf Underdog, die Kontraste geben Regie und Darstellerin reichlich Spiel für funkenschlagendes Dialogvergnügen. Vor allem Marion Weidenfeld bleibt mit ihrer Darstellung der gebrochenen, gleichwohl kraftvoll-kämpferischen Maude lange im Gedächtnis.

„Das Original“ verhandelt mit Witz und Hintersinn die Frage, was wahre Kunst ist. Dass aber das wahre, unbezahlbare Original nicht das Gemälde ist (dessen Vorderseite die Regie geistreich ungezeigt lässt), weiß der Zuschauer rasch.

Ein Kammerspiel, das mit tollem Bühnenbild (Jörg Stroh) und spielfreudigen Akteuren überzeugt und sich dann durch seine leisen, nachdenklichen Töne gegen Ende im Gedächtnis verankert.

Weitere Vorstellungen bis Ende September. Karten gibt es unter theaterei.de oder unter Telefon 07304/9259555.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
KAYA7941(1).jpg
Neu-Ulm

Bei maroden Brücken kein Risiko eingehen

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden