Es ist Jahre her, dass das traditionelle Konzert zur Todesstunde Christi vom Münster in die Pauluskirche verlegt worden war. Nun fand erstmals nach den Corona-Lockdowns der Frühjahre 2020 und 2021 wieder ein solches Konzert statt – im Münster, und dies nicht mit einer Bach-Passion wie früher, sondern mit ruhigen und klug gewählten Werken von Komponisten aus der Zeit zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert. Der Andrang war gewaltig, das Münster – mit gewissen Abständen zur Sicherheit der Besucherinnen und Besucher – voll.
Auch wenn vielleicht die immer noch hohen Infektionszahlen Anlass gewesen waren für die Entscheidung, die Veranstaltung zurück ins Münster zu holen: Die Atmosphäre des Konzerts unter dem Kreuz im Chorbogen, das Glockenläuten in der Karfreitagsstille nach dem Konzert – das gehört zum Münster. Dass die Sängerinnen und Sänger des Motettenchors unter der Leitung von Friedemann Johannes Wieland in den Jahren, in denen Chorgesang kaum möglich war, nichts verlernt haben, bewiesen alle Akteure eindrucksvoll. Begleitet von Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters und mit Sören Gieseler, der zwischen Haupt- und Chororgel wechselte, erklangen Werke, die den Kreuzestod Christi in deutscher und in lateinischer Sprache und aus verschiedenen Blickwinkeln schildern.
An Karfreitag ersetzt Schweigen den Applaus
Das älteste Werk: die Motette „Tristis est anima mea“ von Johann Kuhnau, das jüngste – neben einem wunderschönen Béla Bartok-Geigensolo, mit dem Tamás Füzesi vom Philharmonischen Orchester das Münster alleine füllte – Max Regers „O Ursprung aller Brunnen“. Als Hauptwerk hatte Friedemann Johannes Wieland das vierteilige „Stabat Mater“ gewählt, das Josef Gabriel Rheinberger 1894 nach einem mittelalterlichen Gedicht komponiert hatte.
Auffällig schön auch zwischen den Chorwerken Max Regers „Lyrisches Andante“. Beifall hat an Karfreitag keinen Platz – doch das achtungsvolle Schweigen des Publikums würdigte die Leistung aller Akteure auf andere Weise.