Jazz

31.10.2016

Ein Ass am Saxofon

James Carter spielte am Samstag im Birdland.
Bild: Tobias Böcker

James Carter überzeugte im Birdland

Sehr cool! Was James Carter am Saxofon, Gerald Gibbs an der Hammond B 3 und Alex White am Schlagzeug im Neuburger Birdland boten, zeigte, wie hoch die Latte liegt im zeitgenössischen Jazz. Fette Sounds, kernige Grooves, virtuose Soli, tight, straight, intensiv!

Mehr geht kaum am Saxofon. Vom New Orleans der Raddampferzeit bis ins New York unserer Tage reicht die Kunst zwischen Oldtime- und Freejazz, Gospel, Blues und Postmoderne. James Carter ist der wohl kompletteste Saxofonist unserer Tage, vielleicht aller Zeiten bislang, mit Sicherheit zumindest der ideale Repräsentant des aktuellen state of the art im Jazz.

Von in Slaps knackenden Tonklappen bis zu dreistimmiger Überblasung in höchsten Diskant, von voluminösem honky Sound zu schneidend scharfer Kante, von milder Melodiösität bis zu schier brennenden Klangwolken und rasanten Skalen reicht das Spektrum des 1969 in Detroit geborenen Saxofonisten, der Sopran-, Alt- und Tenorsaxofon gleichermaßen meisterlich beherrscht.

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Einen brillanteren Techniker hat das Birdland bis dato noch nicht gesehen und einen glühenderen Verfechter der Musik noch seltener. Da sprühen die Funken nur so aus dem Schalltrichter des Tenorsaxofons in schier überbordender Fülle, scheinbar müheloser Höchstgeschwindigkeit und spannender Vielschichtigkeit.

Carter hat die gesamte Geschichte seines Instrumentes im kleinen Finger, jede noch so feine Nuance absolut im Griff. Auch am Soprano zeigt sich ein souveräner Gebieter über die Klangwelten, filigran und machtvoll, gefühlvoll und energiegeladen zugleich.

Multiphonics, Slaps und Obertöne, auch am Alto gilt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei, bleibt stets im Dienst einer narrativen musikalischen Instanz, die alle Märchen des 21. Jahrhunderts zu erzählen weiß.

Dass auch Gerald Gibbs, ein Organist von Gottes Gnaden, und Alex White, ein uneingeschränkter Herrscher über die Zeit, ihre Parts auf höchst denkbarem Niveau beitragen, setzt dem Geschehen auf der Bühne etliche weitere Sahnehäubchen auf.

Nichts bleibt da abrupt, aus der Zeit gefallen oder unklar. Alles fließt in ungemein organischer Einheit der Gegensätze, Varianten, Seitenwege und Erzählstränge.

Ob Adolphe Sax sich je erträumt hat, was dereinst möglich sein würde auf dem von ihm erfundenen, 1846 patentierten und nach ihm benannten Instrument? Da mündet ein freies Solo in einen Prä-Jazz-Walzer, wandelt sich ein klassischer Blues zur freien Entfaltung der Fantasie, finden die Fäden immer wieder zusammen zu der großen Geschichte eines Musikers, der dem Jazz einen kräftigen Schubs in die Zukunft versetzt. (tb)

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