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Rennertshofen-Giglberg

10.08.2018

Ein verwunschener Ort fernab im Wald am Giglberg

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2 Bilder
An einem sonnigen Sommermorgen herrscht eine lichte, heitere Stimmung. Doch des Nachts kann das Zigeunerloch ein unheimlicher Ort sein, wie Horst Schwark selbst erlebt hat.
Bild: Norbert Eibel

Das „Zigeunerloch“ ist eine mystische Stätte und Schauplatz mehrerer Sagen. Was Horst Schwark als Camper dort erlebt hat. 

In die nächtliche Stille im flackernden Schein des Lagerfeuers mitten im Felsenrund zog plötzlich ein fernes Rauschen auf, das schnell näher kam und, kleine Äste und Laub niederprasselnd, über die Waldcamper hinwegbrauste. Dann verebbte das Tosen wieder, genau so schnell, wie es gekommen war. „Wir sind die ganze Zeit sprachlos, mit erhobenen Köpfen nach oben starrend, dagesessen. Dann ist es aus den Kindern herausgesprudelt. Onkel Horst, was war denn das? Mir hat es die Härchen im Nacken aufgestellt, denn ich hab sofort gewusst: Das war die Wilde Jagd!“

Horst Schwark, inzwischen 73, erinnert sich noch wie heute an dieses unheimliche Erlebnis im Oktober 1980. Eigentlich war diese gruselige Extraeinlage nicht eingeplant gewesen, obwohl das Ausflugsziel, das „Zigeunerloch“, ein mystischer Platz mitten im dichten Hochwald auf dem Giglberg, schon immer ein sagenhafter Ort war. An der mächtigen Felsformation nagten und schliffen Gewässer am Stein, lösten und laugten in geologischen Zeitspannen das weichere Gestein auf und schufen so Klüfte und Grotten, die eine bizarre Szenerie geschaffen haben.

Es war stockdunkel und kalt

An jenem Herbsttag hatte Horst Schwark ein Versprechen eingelöst. Er war mit den beiden Kindern seines Bruders losgezogen zu der von uralten Buchen eingerahmten und von Moos überwachsenen Felsgruppe und hatte eine Laubhütte errichtet, um dort zu übernachten. „Es war stockdunkel und ziemlich kalt und wir saßen dicht am wärmenden Feuer. Nachts hört man hier nichts, keine Autos, die nächsten Straßen und Dörfer sind weitab“, erinnert er sich. An diesem geheimnisvollen Ort gaukelt das flackernde Licht des Lagerfeuers der Fantasie groteske Gestalten vor. Auch ohne lärmendes Brausen macht sich ein wenig Unbehagen breit. Und dann das.

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Die Wilde Jagd zieht der Sage nach in kalten Herbstnächten durch die Lüfte. Angeführt wird das unheimliche Heer von Karl dem Großen. Wehe dem, der den Blick nicht senkt und nach oben starrt, wenn sich das Gejage nähert. Den ziehen die Gesellen hoch in die Lüfte und nehmen ihn mit. Doch natürlich gab es immer allzu Neugierige, so auch der Müller der nahen Feldmühle. Der, so geht die Mär, spähte zu forsch nach Karls Gefolge. Die Luftgeister nahmen ihn mit und setzten ihn nach wildem Ritt erst kurz vor Wellheim wieder ab. Natürlich glaubt Horst Schwark nicht an Gespenster. Nach der schaurigen Nacht im Wald sinnierte er bei Tageslicht über das Erlebte nach und fand auch eine rationelle Erklärung dafür.

Es gibt eine rationale Erklärung

Die Wilde Jagd ist ein Fallwind. „Er entsteht bei Mauern“, weiß Schwark. Die tagsüber am Taleingang erwärmte Luft strömt in kalten Herbstnächten ins Urdonautal hinein und über den Giglberg, der wie ein Sporn hineinragt und es zu einer 90-Grad-Richtungsänderung zwingt. Auf der anderen Seite sackt die Windwalze wieder ins Tal. Freilich kannten die Altvorderen diese naturwissenschaftliche Erklärung nicht. Kobolde und Waldgeister boten eine volkstümliche Interpretation dieses thermischen Phänomens. Die Wilde Jagd ist eine in vielen Teilen Europas verbreitete Volkssage. Auch in die Kunst hat sie Einzug gehalten: In Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ etwa erscheint im zweiten Akt in der Wolfsschluchtszene bei der Segnung der Freikugeln das „Wilde Heer“.

Noch ein Sage übers „Zigeunerloch“ 

Über das „Zigeunerloch“ gibt es noch eine zweite Geschichte, wieder mit einem wahren Kern. Der Flurname ist Teil einer Sage aus dem 17. Jahrhundert. Die Bezeichnung „Zigeuner“, darauf weist der Naturpark Altmühltal in seiner Gebietsbeschreibung hin, wird im historischen Kontext und ohne diskriminierende Konnotation verwendet. Zu jener Zeit hauste dort Fahrendes Volk. Die Schluchten und Höhlen boten ideale Schlupfwinkel, außerdem lag das Massiv unmittelbar an der Grenze zwischen dem Fürstbistum Eichstätt und dem Fürstentum Pfalz-Neuburg. Heute verläuft exakt dort die Grenze zwischen den Landkreisen Eichstätt und Neuburg-Schrobenhausen. Der Platz war somit als Zufluchtsort für zwielichtige Gestalten hervorragend geeignet, da man mit ein paar Schritten über die „Landesgrenze“ fliehen konnte. Als eine Gruppe der Zigeuner anno 1699 in Neuburg beim Einzug des Kurfürsten Johann Wilhelm im Schloss aufspielte, fielen ihnen die dortigen Kunstschätze ins Auge. Ihr kühner Anführer Larto stieg nachts ein, um ein Gemälde mit echtem Goldrahmen zu stehlen. Doch er wurde auf frischer Tat ertappt und ohne viel Federlesens zum Tode am Strang verurteilt und hingerichtet. Die Rechtsprechung war damals ziemlich martialisch, die diebische rechte Hand war ihm zuvor auch noch abgeschlagen worden. Die Zigeunersippe erwies ihrem Häuptling dennoch die letzte Ehre. Im Schutze der Nacht nahmen die Getreuen ihren Anführer vom Galgen auf der Richtstätte ab. Zur Abschreckung hatte man den Gehängten dort baumeln lassen. Auf heimlichen Pfaden und Steigen schafften sie Larto zum „Zigeunerloch“, wo er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Noch heute ist die Feuerstelle übrigens als natürlicher, rußgeschwärzter Kamin gut zu erkennen.

Auch Horst Schwark hatte mit seinem Neffen Bert und der Nichte Doris dort fast 300 Jahre später sein Feuer entfacht. 2010 war die Geschichte vom „Zigeunerloch“ vom Rennertshofener Festspielverein aufgegriffen und mit großem Erfolg als die „Bluthochzeit“ aufgeführt worden. Nach dem Feuerritual, so endet die Geschichte, war die ganze Gesellschaft rasch verschwunden. Die Häscher aus Neuburg waren den Reisenden, noch wegen anderer Delikte, schon auf der Spur.

Quelle: Horst Schwark, Heimat Neuburg – Geschichte, Geschichten und Sagen aus Neuburg und seiner Umgebung, Auflage 2016.

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