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Neuburg

20.11.2016

Lieber im Birdland als im Trump-Land

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Jazztalk „round midnight“: Die BR-Moderatoren Roland Spiegel (links) und Ulrich Habersetzer (rechts) plaudern in der Livesendung aus der Neuburger Hofapotheke mit Birdland-Chef Manfred Rehm (Mitte).

Das Birdland Radio-Festival geht mit drei faszinierenden Konzerten und einer vierstündigen BR-Liveübertragung aus der Altstadt zu Ende.

Man könnte sich daran gewöhnen. An das Rotlicht während der Konzerte, an die Bataillone von Mikrofonen, die dem Keller eine bedeutsame Aura verleihen, an die weißblauen Ü-Wagen vor der Hofapotheke, an die begeisterungsfähigen BR-Moderatoren Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer, an die Bands, die scheinbar noch eine Schippe mehr drauflegen, und an das zufriedene Dauerlächeln von Birdland-Chef Manfred Rehm.

Alles scheint irgendwie anders zu sein während der mittlerweile sechsten Auflage des Birdland Radio-Festivals. Freudig angespannter, konzentrierter, leichter. Es schwingt auch ein wenig Stolz mit bei den Birdland-Verantwortlichen sowie bei den zahlreichen Stammgästen, dass dem Club durch die wochenlange Dauerpräsenz des Bayerischen Rundfunks endlich wieder einmal die gebührende Wertschätzung widerfährt. Das ist nicht immer so in Neuburg. Trotz fast durchwegs ausverkaufter Konzerte und zahlreicher außergewöhnlicher Momente, die die Stadt längst zum Fixpunkt auf der deutschen Kulturlandkarte erhoben haben, kommt das Gros des Publikums nach wie vor von außerhalb. Wahrscheinlich werden es nach dem Festival, bei dem die Radiomacher acht Konzerte von erlesener Güte aufzeichneten und das in der Nacht auf Sonntag mit einer vierstündigen Livesendung auf Bayern 4 Klassik und Bayern 2 (bei erstaunlich hohen Einschaltquoten) zu Ende ging, wieder eine ganz Reihe mehr sein, die den Weg an die Donau suchen. „Ich bin rundum zufrieden“, betonte Rehm kurz nach Mitternacht am BR-Mikro. „Wir haben hier die gesamte Palette des Jazz erlebt.“

„In komprimierter Form“, so erklärte Oberbürgermeister Bernhard Gmehling, sei der Konzertreigen, der da im Keller unter der ehemaligen Hofapotheke über die Bühne ging, „ein Beleg für die Vitalität des Birdlands, die repräsentativ für die gesamte Kulturszene Neuburgs“ stehe. Deshalb unterstütze die Stadt auch den Club seit Jahrzehnten nach Kräften. Und Ministerpräsident Horst Seehofer erhob das Gewölbe im Vorwort des Programms gar zu einer der wichtigsten Jazzadressen des Planeten, auf einer Stufe mit dem Namensvetter aus New York. Wer die musikalischen Preziosen der zurückliegenden Wochen als Maßstab nimmt, der kann dem Politiker nur zustimmen. Jazz von solch außergewöhnlicher Qualität und Dichte gibt es ansonsten nur auf den großen Festivals wie Berlin, Frankfurt, Den Haag, Willisau oder Salzburg zu bestaunen.

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Es braucht aber auch ein glückliches Händchen des Programmmachers, dass alles so stimmig und fließend ineinander übergeht wie in diesem Jahr. Manfred Rehm hatte es. Sowohl mit der hinreißenden italienischen Vokalistin Roberta Gambarini (als einziges Konzert im Audi Forum Ingolstadt), wie auch mit dem neue Wege suchenden luxemburgischen Pianotrio Reis-Demuth-Wiltgen bewies der „Impresario“ Mut zum Risiko, etablierten Künstlern junge, unverbrauchte, visionäre Hoffnungsträger gegenüberzustellen.

Die „Stars“ hinterließen einen tiefen Sternstunden-Abdruck in der reichen, bald 60-jährigen Historie des Clubs. Die Gastspiele des ewig jungen, 86-jährigen Klarinettisten Rolf Kühn mit seiner Unit, der Gitarrenlegende Larry Coryell mit der Reunion der fulminanten Jazzrockformation Eleventh House oder der unglaubliche Saxofonist James Carter, dessen Töne selbst Wochen danach immer noch im Hofapothekenkeller nachhallen, zählen definitiv für jeden, der dabei war, zu den besten Jazzkonzerten dieses Jahrzehnts.

Wie das sechste Birdland Radio-Festival begonnen hatte, so ging es auch auf die Zielgerade: farbig, vielseitig, spannend. Etwa mit dem in den USA lebenden kubanischen Pianisten Aruán Ortiz. Der lotete mit seinem Trio das Vakuum zwischen Latin und Freejazz aus. Wie der 42-Jährige den Tönen nachspürt, wie er ihren Hall durch den Flügel wabern und durchs Kellergewölbe schweben lässt, wie er seinen Läufen immer ein paar Sekunden vorauseilt, das schafft momentan kein anderer Klaviervirtuose. Sperrig, frisch, unorthodox, mitunter wegen seiner suitenhaften Länge ein wenig anstrengend, stellt Ortiz mit seinen morseartigen Kürzeln überlieferte Hörgewohnheiten auf die Probe – und überzeugt dabei in jeder Hinsicht.

Eine Überraschung per se lieferte Gitarrenurgestein James Blood Ulmer. Statt harmolodisch gedrechselter Kunstfiguren gab der 76-Jährige diesmal kantig geschnitzte Blues-Skulpturen. Ein Mix aus Adrenalin, Testosteron, bretthart und elektrisch grundiert, angereichert mit einer Nuschelstimme, die an John Lee Hooker erinnerte, transferierte sich Ulmer wieder zu seinen Wurzeln zurück. Und die liegen im heißen Süden des künftigen Trump-Landes, dessen momentanen Zustand nichts besser auf den Punkt bringen kann als die Zugabenfrage: „Are you glad to be in America?“ Das enthusiastische Publikum war jedenfalls glücklich, an diesem Abend im Birdland gewesen zu sein.

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