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Stadttheater

06.10.2018

Starker Start mit starken Frauen

Nadine Pape (links) und Cornelia Heilmann stehen als Anna Golde und Grete Strumpf auf der Bühne des Neuburger Stadttheaters. <b>Foto: Sonja Ramm</b>
Bild: Sonja Ramm

Die neue Spielzeit eröffnet mit einer Inszenierung des Kammermusicals „Hexen“. Es geht um Gleichberechtigung und Emanzipation und was davon übrig geblieben ist

Neuburg Die Bühne ist karg, schwarz. An langen Kabeln hängen – oh, wie nostalgisch! – Glühbirnen von der Decke, im hinteren Teil der Bühne sitzen die zwei Schauspielerinnen auf einem hölzernen Podest und beobachten mit ernstem, aber auch leicht gelangweiltem Blick den sich füllenden Zuschauerraum. Unter die Gespräche der Theaterbesucher mischt sich loungiger Jazz. Dann werden die Lichter gedimmt und es beginnt eine knapp 90-minütige, kurzweilige Two-Women-Show – Männer werden darin nur an den Musikinstrumenten geduldet.

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Die Protagonistinnen Grete Strumpf (Cornelia Heilmann) und Anna Golde (Nadine Pape) sind als Hexen in ihrem achten von neun Leben und damit in der heutigen Zeit angekommen, was sie nun zum Anlass nehmen, Bilanz zu ziehen. Wie sieht es denn aus mit Gleichberechtigung, Geschlechterrollen und Emanzipation? Wie viel hat sich in den letzten Jahrhunderten tatsächlich getan?

Grete und Anna haben zwei ganz unterschiedliche Lebensentwürfe gewählt: Grete gibt sich sarkastisch, resolut und frivol. Sie hat Karriere als Unternehmensberaterin gemacht, ihr Privatleben füllt sie mit ständig wechselnden Sexualpartnern. Anna hat sich dagegen mehr in das klassische Rollenbild gefügt: kein Job, dafür einen Ehemann und „eineinhalb Kinder“ – das eine im Grundschulalter, das andere in ihrem Bauch.

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Das von Katharina Schmidt inszenierte Musical kommt als Montage verschiedener Stile und Medien daher. In von dokumentarischer Nüchternheit geprägten Biologie-Lektionen referiert Grete in grausam-komischer Genauigkeit über das Paarungsverhalten von Anglerfischen und Breitfuß-Beutelmäusen, das für die männlichen Vertreter jeweils tödlich endet. Der dokumentarische Stil setzt sich auch in den Audioeinspielungen von feministischen Symbolfiguren wie Alice Schwarzer, Romy Schneider, Nina Hagen und Hannah Arendt fort, die über ihr Frausein in ihren verschiedenen Lebens- und Tätigkeitsbereichen berichten.

Unter diese Sachlichkeit der Darstellung mischen sich aber auch fetzige Musikeinlagen, in denen sich die beiden Protagonistinnen oft im dynamischen Wechselspiel ergänzen. So sinniert Anna im Rhythmus schnipsend über Kindsmord, während Grete das nervige Balg mimt und zur Belustigung des Publikums „Hunger!“ und „Mama, der Pulli juckt!“ vom hinteren Bühnenrand brüllt. Neben aberwitzigen Szenen wie diese gesellt sich aber auch Schwermut, als Anna im bläulich-kalten Licht an einem wohlgehüteten Geheimnis verzweifelt.

Und dann neigt sich auch das achte Leben der beiden Hexen und damit auch der erste Theaterabend in der neuen Spielzeit dem Ende entgegen. Grete und Anna müssen ein weiteres Mal vor der Endlichkeit resignieren, schwelgen in Erinnerungen an all ihre vergangenen Leben. Aber sie wissen auch schon, was sie in ihrem letzten alles nachholen wollen und besingen dies im letzten Lied des Stücks: Ohne Bevormundung und Zweifel leben, ferne Länder sehen, den Nobelpreis kriegen, tanzen – kein „Vielleicht“ und kein „Ich hoffe“.

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