1. Startseite
  2. Lokales (Neuburg)
  3. Was im Neuburger Stadttheater alles Fake ist

Neuburg

11.01.2019

Was im Neuburger Stadttheater alles Fake ist

Der Boulevardjournalist Marco (Thomas Darchinger) präsentiert voller Stolz seine alles andere als wahre Titelstory in der „True“.
Bild: Ilse Lauber

Der Neuburger Thomas Darchinger bot mit „Seite 1“ im Stadttheater eine beeindruckende One-Man-Show als skrupelloser Boulevardjournalist.

 Für eine gute Story würde er, wenn nötig, seine Großmutter verkaufen – für einen Aufmacher auf der Titelseite wahrscheinlich sogar über Leichen gehen: Marco (Thomas Darchinger) ist Boulevardjounalist aus ganzer Überzeugung, skrupellos und manipulativ, einfallsreich und sehr kreativ im Umgang mit der Wahrheit. Diesmal hat er es auf die junge Musikerin Lea abgesehen, die gerade ihre erste CD veröffentlicht und noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit den Medien hat. Gleich bei ihrer ersten Titelstory muss sie erleben, was einem so alles angedichtet werden kann, in diesem Fall eine Affäre mit dem vermeintlichen Sohn eines Großindustriellen. Doch damit nicht genug: Gnadenlos missbraucht Marco die Macht seines Massenmediums, als sie wenig Bereitschaft zur Kooperation zeigt – nach der Drohung, alte Nacktfotos zu veröffentlichen, willigt sie notgedrungen in die erwünschte Fortsetzungsstory ein.

Diese Episode, mit der die zum Teil verantwortungslose Maschinerie der Boulevard-Medien illustriert wird, ist aber nur eine Facette der Komödie „Seite 1“. Die „seriösen“ Medien seien auch nicht viel besser, meint Marco: Sie würden nicht zeigen, was ist, sondern was sein soll, sie sähen alles durch eine moralische Brille und würden nur ihrem Wunschdenken Ausdruck verleihen, zum Beispiel bei Themen wie der Integration. Angesichts der Spiegel-Affäre um den „fantasievollen“ Journalisten Claas Relotius, der in seinen Artikeln die Welt so gemacht hat, wie sie ihm gefällt, einer zuweilen tendenziösen Darstellung von Fakten oder gar von erwiesenen „Fake News“ ist dieses Thema aktueller und brisanter denn je.

„Die Gesellschaft ist eine große Kita geworden.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die Reflexionen des Autors Johannes Kram über das Medienbusiness, die Gesellschaft im Ganzen und die Politik sorgen dafür, dass das Stück nie eindimensional daherkommt, sondern vielschichtig und intelligent. „Die Gesellschaft ist eine große Kita geworden“, konstatiert Marco: „Wir wollen Gleichheit für alle und schaffen die Verantwortung ab!“

Auch dem Schauspieler Thomas Darchinger ist es ein Anliegen, die Mechanismen der Massenmedien zu entlarven: „Wir haben jeden Tag Umgang mit den Medien und lassen uns dabei schnell hinters Licht führen. Der großartige Autor Johannes Kram hat diesen prickelnden Stoff in pure Unterhaltung gepackt! Das ist genau das, wonach ich gesucht habe. Ich mag es, wenn Kunst etwas vermittelt, aber ich möchte dabei auch unterhalten“, sagt der gebürtige Neuburger, der seine Karriere am Münchner „pathos transport theater“ begann und Ende der 80er zum Film kam. Seitdem ist er aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken: In etwa 150 Rollen – häufig als Bösewicht in Krimis von den „Rosenheim-Cops“ und „Hubert und Staller“ bis hin zum „Tatort“ – zeigte er sein Können. Darüber hinaus war er aber auch an großen internationalen Kinofilmen beteiligt.

Was er als Bühnendarsteller kann, stellte Darchinger in Neuburg eindrucksvoll unter Beweis. Köstlich die Passagen, wo er sich über die „graublaubrüstige Wasserralle“ und ähnliche seltene, schützenswerte Tierchen aufregt, wegen denen große Bauprojekte scheitern können. Oder auch die Szene, wo er einen Artikel mit sämtlichen Anführungszeichen, Punkten, Doppelpunkten, Ausrufe- und Fragezeichen, Semikolons und Gedankenstrichen vorträgt, denn die sind für ihn das Wichtigste in einem Text – womit der Autor von „Seite 1“ nicht ganz unrecht hat.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren