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Birdland

13.10.2015

Wenn Jazz auf Barock trifft

Rolf Kühn (rechts) und der Pianist Christian von der Goltz taten sich für ein Crossover-Konzert im Rahmen der Barockkonzerte zusammen.
Bild: Gerd Löser

Rolf Kühn und Christian von der Goltz mit „Bach goes to Town“

„Bach Goes To Town“ – Besser kann ein Konzert, das in der Reihe Art Baroque im Rahmen der Neuburger Barockkonzerte im Birdland-Jazzclub stattfindet, gar nicht betitelt sein. Doch wer hat „den Bach in die Stadt geführt“, in dieses interessante Spannungsfeld zwischen Barock und Jazz? Nun, das war diesmal ein ganz großer der deutschen Jazzszene, einer, der bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Original-Birdland in New York mit seiner Klarinette bespielt hat: Rolf Kühn (Jahrgang 1929). Gemeinsam mit ihm begab sich der Pianist Christian von der Goltz auf die Spielwiese des „Neobarock“ auf der Bühne der Neuburger Version des berühmten Jazzclubs, der es inzwischen seinerseits zu einigem internationalen Ansehen gebracht hat. Spannungsfeld, Spielwiese oder gar Symbiose? „Unser lieber Bach – würde er heute leben – wäre Jazzmusiker“, beurteilte Rolf Kühn die Situation.

Am Anfang der Titelsong „Bach Goes to Town – Prelude and Fugue in swing“. Eine Nummer des britischen Musikers Alec Templeton, bekannt geworden bereits Ende der 1930er Jahre durch das Benny Goodman Orchestra. Hier haben wir es wohl mit der Symbiose zu tun. Barocke Melodieführung, Verzierungen, Triller, die typische Abfolge von Imitationen in der Fuge gepaart mit Jazzharmonien, synkopierten Rhythmen, unüberhörbarem Ragtime-Feeling, ergeben insgesamt ein durchaus stimmiges, unterhaltsames Ganzes.

Dann der echte Bach, der echte Rameau, Originalbarockmusik, allmähliche Verfremdung, Verschiebung, Ausflüge in neue harmonische Zusammenhänge, Improvisation, Rückkehr zur Partitur, natürlich scheinender, vergnüglicher Verlauf der Musik – die Spielwiese, von beiden Musikern übrigens in dieser Form zum ersten Mal bespielt. Ein Spezialprogramm für das Neuburger Birdland. „Das ist ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagte der aus Bremen stammende von der Goltz im Gespräch, war doch die Barockmusik für ihn, wie für so viele andere Musiker, Teil der Ausbildung.

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Und noch ein wenig weiter zurück in der Musikhistorie gehen Kühn und Goltz. Das wunderbar getragene „Flow My Tears“ von John Dowland verströmt neben Jazzfeeling, neben der Sparsamkeit der Renaissancemusik vor allem ein gewisses, ungewisses Gefühl der Demut. Hin und wieder gibt es einfach Jazz. Einfach im Sinne von „pur“. Rolf Kühn mit seinem klaren, runden, einzigartigen Klarinettenklang sowie jederzeit spürbarem Groove und Christian von der Goltz mit sanftem Anschlag und fließendem Spiel harmonieren trotz der 30 Jahre Altersunterschied sehr gut. Ihr Jazz klingt nicht innovativ, die einzelnen Elemente ihrer Musik sind nicht „nie da gewesen“. Trotzdem – oder gerade deswegen – ergeben sich dezente, fein ziselierte, ganz ohne Schlagwerk sehr groove-reiche, kammermusikalische Miniaturen berühmter Kompositionen wie „Autumn Leaves“, „Stella by Starlight“ oder „Body and Soul“.

Ach, das war schön. Doch wo befand sich genau das Spannungsfeld? Vielleicht war es gar nicht da? Vielleicht existiert es eher in der Betrachtung von Puristen, die jeweils die „reine Lehre“ bevorzugen? Die zahlreichen Zeugen dieser Erstaufführung zeigten sich jedenfalls begeistert. Kühn kann sich offenbar vorstellen, dieses Programm zu wiederholen. Von der Goltz schien da nicht abgeneigt. Für das Publikum wird sich „Neobarock“, Barock-Jazz, „Art Baroque“ präsentiert von diesen Musikern immer lohnen.

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