Den grausamen, bis heute ungeklärten Sechsfachmord von Hinterkaifeck, bringt das Neuburger Volkstheater im Juli auf die Bühne. Einen Vorgeschmack darauf wird es jedoch schon am 100. Jahrestag des Verbrechens geben, das sich in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 ereignet hat. zum 100. Mal jährt. An exakt diesen Tagen ist eine Lesung mit dem Schweizer Krimiautor Adolf J. Köppel im Rosinger Hof am Haus im Moos geplant. Er hat in seinem Kriminalroman „Lerchenstimme“ eine neue Theorie zum Täter entwickelt, was Volkstheater-Regisseur Oliver Vief dazu animierte, Köppel als Autor für das Theaterstück zu gewinnen. Am Drehbuch für „Die Lerche von Hinterkaifeck“ arbeiteten Vief und Köppel rund ein Jahr lang intensiv zusammen. Parallel zum Roman „Lerchenstimme“ hat Köppel noch das Sachbuch „Der Gruber war’s“ über seine ungewöhnliche Mordtheorie geschrieben.
Herr Köppel, wie sind Sie als Schweizer auf Hinterkaifeck aufmerksam geworden?
Adolf J. Köppel: Mich interessiert einfach alles, was mit Menschen zu tun hat, ganz besonders Dramen und Tragödien. Auf Hinterkaifeck stieß ich, als ich mich eines Abends durch die Fernsehprogramme zappte. Im Bayerischen Rundfunk kam eine Dokumentation über einen Raubmord an sechs Menschen. Das war alles so brutal, ich war einfach nur geschockt. Ich fand es unglaublich, dass so etwas passieren kann. Diese Doku mit verschiedenen Filmausschnitten ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Was hat Sie an der Geschichte so fasziniert?
Köppel: Keinesfalls wollte ich mich auf die Suche nach dem Mörder machen, sondern einfach wissen, was da los war, weil es brutal war und so eine seltsame Tötungsart. Ich habe noch am selben Abend im Internet recherchiert und Unglaubliches gefunden. Als ich Zeugenaussagen las, wie der Austragsbauer Andreas Gruber seine Tochter missbrauchte, wie er mit der Schrotflinte auf Nebenbuhler, mit der Sense auf seinen Nachbarn Lorenz Schlittenbauer losgegangen ist, da dachte ich: Gruber muss es gewesen sein, auch wenn er selbst tot in der Scheune liegt.
Sie haben also für ihr Buch „Lerchenstimme“ eine ganz neue Theorie entwickelt, wer der Mörder von Hinterkaifeck war?
Köppel: Eigentlich wollte ich gar kein Buch schreiben. Ich wollte nur, dass der Mörder von Hinterkaifeck endlich überführt wird und Unschuldige vom Verdacht erlöst werden. Ich fühlte mich verpflichtet, meine Recherchen an die Behörden weiterzugeben. Daher habe ich mich 2012 an den Bürgermeister von Waidhofen gewandt. Dafür hatte ich ein Dossier mit Indizien zusammengestellt, weil ich davon ausging, dass auch ein Experte hinzugezogen würde. Doch dann kam eine E-Mail, es bestünde kein Interesse. Ich habe mein Dossier nochmal durchgelesen, wollte es schon wegwerfen, doch da kam mir der Gedanke, daraus ein Buch zu machen. Wenn die Behörden kein Interesse am Mörder haben, dann sollen es die Hinterbliebenen und die zu Unrecht Beschuldigten eben aus dem Buch erfahren, wer damals an diesem kalten Winterabend die Menschen erschlagen hat.
Gab es keine Reaktion der Behörden?
Köppel: Kaum hatte ich mit dem Schreiben begonnen, rief mich die Kantonspolizei aus meinem Dorf an. Ich müsse umgehend auf dem Posten erscheinen, da ich Kenntnis hätte, wer der Mörder von Hinterkaifeck wäre. Ich sagte dem freundlichen Polizisten, dass ich mich weigere, weil meine angebotene Hilfe abgelehnt worden war. Der Polizist wurde ernst und erklärte, ich müsse erscheinen, weil mich Interpol Deutschland suche. Da ich nicht mit dem Polizeiauto abgeholt werden wollte, gab ich am nächsten Tag dort alles, was ich wusste, zu Protokoll und wurde nach drei Stunden wieder entlassen. Seitdem warte ich gespannt auf eine Nachricht. Mehrmals versuchte ich, mit den Behörden in Deutschland in Kontakt zu kommen, doch ich wurde immer nur abgewimmelt. Ich verstehe das nicht, denn anders als in der Schweiz verjährt ein Mord in Deutschland nie. Auch ehemalige Hauptkriminalkommissare wollten nichts mit mir zu tun haben.
Warum glauben Sie, interessieren sich die Behörden nicht für Ihre Theorie?
Köppel: Im Nachhinein ist alles so einfach und logisch, dass man sich eigentlich dafür schämen müsste, dem Mörder nicht selbst auf die Schliche gekommen zu sein. Gruber wurde als Täter übersehen, weil er am Auffindungsort unter denen lag, die er wenige Tage zuvor erschlagen hatte. Es gab damals zwei Telefonate mit der Polizei. Da hieß es, sechs Menschen wurden ermordet und der Beamte notierte das. Für die Kripo bestätigte sich das auf dem Hof. Von da an wurde nach einem externen Mörder gesucht.
Wie kommen Sie darauf, dass der Austragsbauer selber seine Familie erschlagen hat – und wie ist er dann umgekommen? Gab es einen zweiten Mörder?
Köppel: Lesen Sie mein Buch. Den Türöffner verrate ich Ihnen. Das war die Tatsache, dass Andreas Gruber in Unterhose und barfuß auf seiner Tochter Viktoria lag – mit der Tür obendrauf. Die Schlüsselfrage für mich lautete: „Wie kommt er dahin?“. Wer hat ihn auf Viktoria gelegt? Alle anderen erwachsenen Opfer, seine Frau Cäzilia, seine Tochter Victoria und die Magd waren noch in der Arbeitskleidung. Barfuß im Winter herum zu laufen, wäre mit einer Lungenentzündung gleichzusetzen und das war damals tödlich. Ein Bauer, der ohne Socken in den Stall ging, das ist wirklich sehr merkwürdig. Wenn er im Bett gewesen wäre, hätte er sich etwas angezogen, um nach seinen Angehörigen im Stall zu schauen. Ich habe es tausendmal durchprobiert, es funktioniert nicht anders.
Worauf stützen Sie Ihre Vermutung?
Köppel: Hauptindiz ist die Mordwaffe, die überführt den Mörder zu 100 Prozent. Ich habe die von Gruber veränderte Reuthaue nach den Angaben des Knechtes Georg, der gelernter Wagner war, nachgebaut. Als gelernter Metallbauschlosser weiß ich, was Wagner mit der „beidseitig vorstehenden“ Schraube meinte. Andreas Gruber hatte übrigens als einziger eine andere Verletzung. Er ist nicht mit der Reuthaue erschlagen worden. Sein Tod war die Knacknuss, die aufgebrochen werden musste. Wenn man Grubers Tod nicht erklären kann, darf man ihn auch nicht des Mordes bezichtigten.
Wie kam es nach dem Buch zum Theaterstück mit dem Neuburger Volkstheater?
Köppel: Regisseur Oliver Vief hat mein Buch gelesen und kam mit der Frage auf mich zu, ob ich ein Theaterstück für das Neuburger Volkstheater schreiben könnte. Ich sagte spontan zu, weil ich schon immer ein Theaterstück schreiben wollte. Also habe ich mich hingesetzt und begonnen, meinen Roman auf ein zweistündiges Theaterstück umzuschreiben. Am 8. Juli wird es uraufgeführt.
Was ist schwieriger: Einen Roman oder ein Theaterstück über Hinterkaifeck zu schreiben?
Köppel: Die Kunst liegt darin, 40 Jahre, die ich im Buch verarbeitet habe, auf zwei Stunden herunter zu brechen. Ich habe alles herausgenommen, was ich nicht unbedingt brauche. Aber was drin ist, das muss mit der Geschichte übereinstimmen. Ein Jahr lang stand ich in ständigem Austausch mit Oliver Vief. Wir haben das Drehbuch auch ein bisschen lustig gestaltet, es soll nicht immer todernst zugehen. Das Wichtigste aber ist die Tragödie der Liebesgeschichte zwischen dem Nachbarn Lorenz Schlittenbauer und Viktoria Gabriel, deren Vater sie nicht gehen lassen wollte. Die Lerche von Hinterkaifeck ist nicht einfach eine Geschichte. Es ist eine unsagbar schreckliche Tragödie, wie sie schlimmer nicht sein könnte.
Interview: Andrea Hammerl