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14.09.2018

Das Wirtshaus wiederbelebt

Die Kronenwirtschaft in Holzkirchen: Im Jahr 2012 schien die Zukunft besiegelt, da sich kein Käufer für das Anwesen fand. Doch dann entschied sich ein Sohn, die Gaststätte im Nebenerwerb weiter zu führen.

Das „Gasthaus zur goldenen Krone“ in Holzkirchen war schon geschlossen. Heute kann man dort wieder essen.

 Wie in den meisten Regionen hat im Ries der Strukturwandel in den vergangenen Jahrzehnten massive Veränderungen gebracht. Auch Holzkirchen ist davon betroffen. Dort waren neben einigen Handwerkern, dem Pfarrer und dem Lehrer sowie zahlreichen Landwirten bis nach dem Zweiten Weltkrieg auch zwei Gasthäuser zu finden. Das alles ist längst Vergangenheit. Auch die Zukunft der einzig übrig gebliebenen Kronenwirtschaft schien im Jahr 2012 besiegelt.

Friedrich Fälschle, der damals 72 Jahre alte Wirt, hatte unter den drei Söhnen keinen Nachfolger gefunden und das seit mehr als 200 Jahren im Familienbesitz befindliche Wirtshaus zum Kauf angeboten. Da sich kein entsprechender Käufer fand, sollte der Wirtshausbetrieb im „Gasthaus zur goldenen Krone“ nach genau 360 Jahren endgültig enden. Aber vor fünf Jahren, als in der Wirtsstube schon einige Wochen das Licht ausgeschaltet war, entschloss sich der in einem Nachbardorf verheiratete Wirtssohn mit seiner Frau ganz kurzfristig, den Betrieb im Nebenerwerb doch noch weiter zu führen.

So wurde der gut gehende sonntägliche Mittagstisch weiter betrieben und die alte Kegelbahn zu einem Speisesaal umgebaut. Nach anfänglichem Zögern packte die Wirtsfamilie im Jahr 2015 auch die aufwendige Sanierung des inzwischen maroden Daches an dem denkmalgeschützten Haus aus dem Jahr 1765 an. Zwar kann die Kronenwirtschaft in einem 300-Seelen-Dorf keine tägliche Öffnung anbieten, jedoch sind der sonntägliche Mittagstisch und das Schnitzelessen am Samstag ein Besuchermagnet.

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Für Geburtstagsfeiern ist das Wirtshaus ebenso beliebt wie für eine Tauffeier oder einen Leichenschmaus. Beim jährlichen Preisschafkopfen parken die Autos der Besucher im ganzen Dorf. Auch der Gemeinderat bekommt nach seiner monatlichen Sitzung hier spätabends noch Bratwürste oder eine Brotzeit und ein paar Halbe Bier. Der Jäger aus dem Weiler Speckbrodi veranstaltet mit seinen Kollegen einen regelmäßigen Stammtisch und ein paarmal im Jahr ein Wirtshaussingen mit traditionellen Liedern. Im Gasthaus finden natürlich auch die Bürgerversammlungen, Wahlversammlungen, die Generalversammlung der Feuerwehr und dergleichen statt. Zum Jahresende werden Martinigans-Essen und ein Silvesterbuffet angeboten. Den Höhepunkt des Jahres bildet jedoch die traditionelle Dorfkirchweih. An vier Tagen im Oktober ist Hochbetrieb. Neben der Wirtsfamilie hilft eine ganze Reihe von Leuten aus dem Dorf mit, um die große Masse an Besuchern mit Essen und Trinken zu versorgen. Bei der letzten Kirchweih waren es immerhin etwa 1500 Gäste.

Die Chronik des Wirtshauses ist durchaus beeindruckend. Der Meierhof, zu dem das Anwesen früher gehörte, war ein uralter Königshof, in dem in den Jahren 906, 909 und 1298 sogar der Kaiser Station machte. Um das Jahr 1400 wurde der Meierhof dann geteilt. Das Anwesen mit der späteren Hausnummer 3 war eines der wenigen Häuser, die in den schlimmen Jahren des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 nicht aufgegeben und öde geworden war. Nach der verheerenden Schlacht bei Nördlingen im Jahr 1634 war von den Dorfbewohnern nur noch etwa ein Drittel der Leute am Leben und es dauerte Jahrzehnte, bis alle Baulücken wieder geschlossen waren. In dem inzwischen kleinbäuerlichen Anwesen eröffnete der Bäckermeister Hans Rauh eine Gastwirtschaft, die am 23. August 1652 zum ersten Mal urkundlich bezeugt ist. Damals musste der Wirt nämlich Strafe bezahlen, weil er sein Bier nicht von der Hofbrauerei der zuständigen Oettinger Grafen bezogen hatte. Die Reihe der Besitzer wechselte immer wieder. Ab dem Jahr 1711 kam mit Johann Peter Bürgel sogar ein bescheidener Glanz in das Anwesen. Bürgel war nämlich nicht nur als Gastwirt, sondern auch als Gerichtsschreiber für den Rat des Marktes Holzkirchen tätig. Sein Sohn Georg Michael Bürgel erbaute um 1745 neben dem Gasthaus ein „Brandweinhäusle“, das heute noch existiert. 1765 wurde dann das Wirtschaftsgebäude komplett neu erbaut. Davon zeugt noch heute die Inschrift über dem Eingang. In jener Zeit erwarben die Wirtsleute auch einige Grundstücke, wodurch der Kronenwirt über mehr als zwei Jahrhunderte auch zu den größten Bauern im Dorf gehörte. Am 27. April 1796 wurden bei einem Großbrand mehrere Gebäude im Dorf vernichtet, auch die Scheune der Kronenwirtschaft. Die Wirtschaft blieb damals verschont.

1817 wurde die Gaststätte mit den 65 Tagwerk Feldern über den Handelsjuden Obermeyer von Hainsfarth an Georg Fälschle (Hausname „Schwab“) aus Wechingen verkauft. Seither ist die Wirtschaft in sechster Generation im Familienbesitz.

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