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Kleinkunst

29.10.2017

Zugpferd Feuerbach-Quartett liefert

Feuerbach-Quartett: Die vier jungen Musiker aus Nürnberg sind zwar ein klassisches Streichquartett, bringen aber „moderne“ Klassiker in mitreißender Interpretation auf die Bühne.
Bild: Zuber

Dramatisches Ensemble setzt Höhepunkt bei Jubiläumsveranstaltung. Wer bei der zehnten Offenen Unterhaltungsbühne noch auftrat

Da hat Moderator Dominik Herzog Recht: Die Offene Unterhaltungsbühne ist eine Wundertüte und so etwas wie der Generationenvertrag. Wer regelmäßig kommt, der „zahlt mal ein und kriegt mal was raus“. Bei der zehnten Auflage im Schrannensaal hat das Publikum am Freitag definitiv „etwas rausgekriegt“.

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Nach Pilsclub, Juze, Nachtschwärmer und Maierbräu-Open-Air ist das DE zu Gast im zentralen Veranstaltungssaal im Herzen der Stadt. Das Publikum ist im Durchschnitt älter als bei früheren Unterhaltungsbühnen, vielleicht „kulturerfahrener“ und vielleicht vor allem am Zugpferd des Abends, dem Feuerbach-Quartett, interessiert. Dieses Ensemble ist ein Streichquartett in klassischer Besetzung. Spontan denkt man an eine britische Boygroup (mit weiblicher Verstärkung, der einzigen Frau auf der Bühne an diesem Abend). Auf dem T-Shirt des Cellisten ist ein Beethoven mit Baseball-Cap zu sehen, die Geigerin trägt Doc-Martens-Stiefel zur Leggins. „Pop in klassischem Gewand“ nennen sie ihre Musik. Das ist ein viel zu langweiliger Titel für die mitreißende Show, technisch perfekt, variantenreich und präzise in der Ausführung. Dabei setzen die Musiker um Max Eisinger an der Violine auf moderne „Klassiker“ wie den James-Bond-Song „Skyfall“ oder „Hey Jude“ und bringen noch mehr Tiefe in die sowieso schon gehaltvollen Titel. Die Feuerbach-Musiker waren gerade mal geboren, als die Ärzte 1993 „Schrei nach Liebe“ herausbrachten. Mit ihrer Interpretation des Anti-Rechts-Songs hat der Auftritt des Feuerbach-Quartetts eine politische Botschaft: Die Geschichte eines Neonazis, der „Schiss vorm Schmusen hat“ ist ja wieder sehr aktuell. Und so schreit nach nur kurzem Zögern der Saal den bekannten Refrain mit. Nach dem fulminanten Auftritt und tosendem Applaus folgt dramaturgisch richtig die Pause.

Zuvor hatte „Des Duo“ aus der Nähe von Esslingen den Abend eröffnet. Warum haben amerikanische Lieder englische Texte? Eine berechtigte Frage für die beiden Schwaben (Gesang und Piano). Die Melodien werden übernommen und mit schwäbischen Texten ergänzt. Die „Frühlese“ pubertierender Töchter wird bei „Mei Tochter geht jetzt mit ‚em Rapper“ (das R nicht rollend, sondern kehlig-schwäbisch) thematisiert. Außerdem nehmen die Künstler die Deutsche Bahn und den Handy-Wahn („Handy“ auf die Melodie von „Mandy“) auf die Schippe. Auch die schwäbische Oma, die ihre Enkel „mästet“ erntet viele Lacher.

Zugpferd Feuerbach-Quartett liefert

Danach kommt Nikolai Binner auf die Bühne und gibt dem verhalten reagierenden Publikum Einblicke in das Frankfurter Nachtleben, seine Drogen- und Masturbationserfahrungen. Applaus für seine Standup-Comedy gibt es erst, als er gegen die AfD wettert oder den perfekten Didgeridoo-Sound aus dem Bauch zaubert. Katsche und seine Band machen Blues-Rock mit Akkordeon, Kontrabass und Gitarre und beschreiben sich als „Analogisten, geboren in einer analogen Zeit“, die auf der Jagd nach dem „perfekten Tape“ sind. Ja, die gute alte Zeit. Applaus auch für ihre handwerklich gut gemachte Musik.

Ein Glanzstück liefert Poetry-Slammer Oliver Walter ab. Er denkt über die Gender-Problematik nach, beklagt, dass es Spielzeug-Pferde nur in rosa für Mädchen oder mit Rittern für Buben gibt, sein Sohn aber einfach „nur Pferd spielen“ will. Als noch ein Einhorn ins Spiel kommt, driftet die Diskussion ab und der Fünfjährige verkündet „Ich heirate den Justin“. Bei Homosexualität wäre man ja tolerant, aber nicht bei diesem Vornamen… Wie war das wohl, als das Feuer „erfunden“ wurde? Da haben die Alten sicherlich geschimpft über die verweichlichten Jugendlichen, die „nur noch ins Feuer starren“, süchtig nach dem Feuer sind, gar nicht mehr rausgehen zum Jagen. Über den technischen Fortschritt sei immer schon gelästert worden, sagt Oliver Walter und endet weise: „Es ist immer der Mensch, der nicht vernünftig damit umgeht.“

Nach zehn offenen Bühnen darf man das Dramatische Ensemble uneingeschränkt loben. Dominik Herzog agierte immer souverän und dem jeweiligen Publikum angemessen. Die Wundertüten-Mischung funktionierte fast immer. Das DE ist inzwischen so gut vernetzt, dass sich gute und sehr gute Künstler bewerben.

Die nächste Offene Unterhaltungsbühne findet am 26. Januar 2018 statt. Die Latte liegt hoch.

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