Als Anatoli Stepanowitsch Djatlow heute vor 29 Jahren im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl die Simulation eines vollständigen Stromausfalls zu Übungszwecken anordnet, ist alles noch in Ordnung. Doch Verstöße gegen die geltenden Sicherheitsvorschriften und bauliche Besonderheiten des Kernreaktors führen zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, bis der Reaktor schließlich explodiert. Kilometerweit reicht die nukleare Verstrahlung, und durch sauren Regen werden weite Teile Europas verseucht.
Tschernobyl vertreibt Hundertttausende aus ihrer Heimat
So sieht es in Tschernobyl aus
Sechs Tage dauert es, den Brand des Reaktors zu löschen. Danach beginnen Experten damit, die am stärksten betroffenen Gebiete zu dekontaminieren. Ein Schutzmantel aus Stahlbeton soll seither verhindern, dass weitere Strahlung aus dem Reaktor-Wrack austritt. Im Frühjahr und Sommer 1986 wird die 30-Kilometer-Zone rund um den explodierten Reaktor evakuiert, 116 000 Menschen müssen ihre Wohnungen und Häuser verlassen, das nahegelegene Prypjat wird zur Geisterstadt.
Über die gesundheitlichen Folgen der Atomkatastrophe diskutieren Experten bis heute. An akuter Strahlenkrankheit starben 50 Personen, unklar ist aber, wie viele Krebsfälle, Herzinfarkte und andere, mit erhöhter Strahlung in Verbindung stehende Krankheiten auf die Katastrophe zurückgehen.
Schutzmantel um den Kernreaktor ist brüchig
Gefahrenquellen für Atomkraftwerke
In Japan stand ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami am Anfang der Ereignisse, die zur Atomkatastrophe in Fukushima führten. Auch in Europa gibt es Meiler in seismisch aktiven Zonen, etwa im französischen Fessenheim direkt an der deutschen Grenze.
Ein Tsunami wie in Japan ist in Europa eher unwahrscheinlich. Allerdings sind auch hierzulande Überflutungen denkbar. Wasser ist für Atomanlagen gefährlich, weil es die aus Dieselgeneratoren und Batterien bestehende Notstromversorgung lahmlegen kann. Deiche gehörten zum wichtigsten Schutz gegen diese Gefahr, heißt es in einem aktuellen Arbeitspapier der Vereinigung der Westeuropäischen Atomaufsichtsbehörden (WENRA).
Das WENRA-Papier zählt als Risiken auch Sturm und starke Regenfälle sowie die Kombination mehrerer Extremwetterlagen auf. Atomexperte Heinz Smital von Greenpeace sieht auch in Waldbränden eine Gefahr, die sich beispielsweise im vergangenen Sommer bei den Großfeuern in Russland gezeigt habe. Denn der dichte Rauch könne dazu führen, dass Notstromdiesel-Generatoren wegen Sauerstoffmangels nicht ansprängen.
Terrorangriffe sind deshalb so brisant, weil sich Täter gezielt den Kern einer Atomanlage, den Reaktordruckbehälter, vornehmen könnten. Dadurch ist nach den Worten von Atomexperten Smital «eine Zerstörung möglich, die sonst nicht erreicht werden kann». Bei einem Angriff könnten in kürzester Zeit riesige Mengen Strahlung frei werden, während sich die Freisetzungen in Tschernobyl und Fukushima vergleichsweise begrenzt und langsam abgespielt hätten.
Das Risiko von Cyberattacken auf Atomkraftwerke geriet 2010 durch den Computerwurm Stuxnet ins Rampenlicht. Stuxnet wurde laut «New York Times» von den USA und Israel entwickelt, um das iranische Atomprogramm zu sabotieren. Dass private Hacker einen atomaren GAU auslösen können, hält Frank Rieger vom deutschen Chaos Computer Club für «ziemlich unwahrscheinlich». Bislang seien solche Risiken aber offenbar noch nicht detailliert erforscht, meint Rieger.
Die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes auf ein Atomkraftwerk lässt sich zumindest annähernd vorhersagen, indem Flugrouten, allgemeine Unfall-Zahlen sowie die potentielle Trefferfläche ins Kalkül gezogen werden. Die kuppelartige Form des Betonmantels vieler Reaktorgebäude sorgt dafür, dass die Trefferfläche für einen möglichen Frontalaufprall gering ausfällt.
Die Höhe eines Risiko bemisst sich nach zwei Dingen: der Wahrscheinlichkeit, dass das befürchtete Ereignis eintritt, und dessen Schwere. Das Risiko kann also auch dann hoch sein, wenn das Ereignis sehr unwahrscheinlich ist, aber die Folgen immens wären. Ob allerdings auch extrem unwahrscheinliche Ereignisse - wie beispielsweise ein Satellitenabsturz - bei den europäischen Akw-Tests eine Rolle spielen sollten, sei letztlich keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftspolitische Frage, hieß es aus deutschen Fachkreisen.
Noch heute, 29 Jahre nach dem Unglück, geht von dem zerstörten Kernreaktor radioaktive Strahlung aus. Das könnte zum Problem werden, denn der Beton-Sarkophag, der als Schutzhülle dienen soll, ist über die Jahre brüchig geworden. 2012 begann die Ukraine deshalb mit dem Bau eines neuen Schutzmantels, um den Schutz vor Strahlung auch weiterhin zu gewährleisten.
Bei einem Besuch an dem Unglücksreaktor bat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko um internationale Finanzhifen für den Fertigbau des neuen Schutzmantels. Der Bau der riesigen Stahlkonstruktion, der schätzungsweise mehr als zwei Milliarden Euro kosten wird, sollte eigentlich Ende dieses Jahres beendet sein. Wegen technischer Probleme soll das Projekt nun erst Ende 2017 fertig sein. AZ/dpa