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Umwelt

05.01.2019

Wie die Braunkohle eine Kleinstadt spaltet

Stefan Gaebel arbeitet im Braunkohle-Tagebau bei Welzow in der Lausitz. Er wirkt winzig im Vergleich zu dem 63 Meter hohen Bagger, an dessen Fuß er hier steht. Erst vor kurzem hat er die Ausbildung als Aufbereitungsmechaniker abgeschlossen. Es ist unsicher, wie lange er seinen Job auf dem Bagger noch machen kann.
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Stefan Gaebel arbeitet im Braunkohle-Tagebau bei Welzow in der Lausitz. Er wirkt winzig im Vergleich zu dem 63 Meter hohen Bagger, an dessen Fuß er hier steht. Erst vor kurzem hat er die Ausbildung als Aufbereitungsmechaniker abgeschlossen. Es ist unsicher, wie lange er seinen Job auf dem Bagger noch machen kann.
Bild: Patrick Pleul, dpa

In Welzow leben viele Menschen vom umstrittenen Tagebau. Ihre Zukunft ist ungewiss. Ein Familienvater hofft, noch bis zur Rente in der Grube arbeiten zu können. Im Nachbardorf fürchtet ein Handwerker um sein Anwesen, wenn es noch weitergeht. Er denkt aber auch an das Klima

Der Weg zu seinem Arbeitsplatz ist für Stefan Gaebel holprig. Mit Kollegen sitzt er zu Schichtbeginn in einem Mannschaftstransportwagen, der über Sandhügel und durch tiefe Spurrillen steuert. Es ruckelt. Nach der Fahrt durch das unwegsame, einsame Gelände ohne Straßen im Süden Brandenburgs ist er am Ziel: Der 36-Jährige befindet sich in einer Braunkohlegrube in rund 45 Metern Tiefe.

Ein riesiger Bagger steht in dem Tagebau. 243 Meter lang und 63 Meter hoch. Die Schichtarbeiter wirken im Vergleich zu ihm winzig. Über Lautsprecher tönen Ansagen über den Tagebau Welzow-Süd hinweg. Das immense Schaufelrad räumt im Lausitzer Braunkohlerevier Sand und Erde beiseite. Die Arbeiter wollen auf das stoßen, was der Region seit mehr als 150 Jahren Arbeitsplätze und Auskommen bringt – Braunkohle.

Gaebel arbeitet auf dem Bagger an einer Verladestelle, wo die weggeschaufelte Erde auf ein Förderband fällt. Er fühlt sich wohl in seinem Job. „Ich kann draußen arbeiten und der Zusammenhalt hier ist sehr groß“, sagt der sportliche Mann. „Ich habe Hochachtung vor der technischen Leistung.“

Die kleine Stadt Welzow – eine halbe Autostunde südwestlich von Cottbus – mit rund 3500 Einwohnern, in der Gaebel seit Kindheitstagen lebt, liegt in direkter Nachbarschaft. Ein Besucherzentrum informiert über die Kohle, Touristen können Touren in das Revier buchen. Viele Einwohner arbeiten „in der Kohle“, wie sie es selbst bezeichnen. Sie sind stolz auf ihren Beruf. Die Jobs sind gut bezahlt. Gefühlt beinahe jeder kann in seiner Familie jemanden aufzählen, der in der Braunkohleindustrie beschäftigt ist oder es einst war.

„Wir sind besonders von der Braunkohle geprägt“, sagt Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold. Vom stärksten Industriezweig in der sonst strukturschwachen ostdeutschen Gegend an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen leben nicht nur die Kohlekumpel. Auch Handwerksbetriebe und Dienstleister seien auf die Aufträge des Tagebaubetreibers angewiesen, zum Beispiel der Erd- und Rohrleitungsbau, Maler-, Heizungs- sowie Sanitärfirmen und viele Unternehmen mehr, sagt Zuchold.

Dass Welzow so stark an dem fossilen Energieträger hängt, bringt seit Jahren zugleich Unsicherheit in die kleine Stadt. Die Bundesregierung plant aus Klimaschutzgründen, schrittweise aus dem Verstromen von Kohle in Deutschland auszusteigen. Wann genau Schluss sein soll, ist offen.

Was würde eine ganz abrupte Abkehr für die Stadt bedeuten? Grubenarbeiter Gaebel antwortet kurz und knapp: „Welzow würde aussterben. Viele würden wegziehen.“

Eine vom Bund eingesetzte Kommission arbeitet seit Monaten an Ideen, wie ein Strukturwandel gelingen kann und wie alternative Jobs in den großen Braunkohlerevieren im Rheinland, in der Lausitz und in Mitteldeutschland entstehen können. Die Kohlekommission hat zugleich die Aufgabe, einen Ausstiegspfad und ein Enddatum der Kohleverstromung zu nennen. Die Arbeit des Gremiums läuft noch.

Der Revierplan des Lausitzer Tagebaubetreibers Leag mit vier Gruben reicht noch bis in die 2040er Jahre. Spricht man Welzower auf die Kohlekommission an, zeigen sich viele verärgert. Sie haben den Eindruck, dass die Braunkohle ein Prügelknabe sei und in anderen Bereichen wie Verkehr zu wenig für den Klimaschutz getan werde.

Auch Stefan Gaebel hat sich immer wieder aufgeregt. Sorgen stiegen in ihm hoch, wenn die Braunkohle kritisiert wurde. Mit der Zeit wurde das Sich-Sorgen-Machen weniger. Jetzt schaut er auf seine Situation wieder zuversichtlicher. „Ich denke positiv. Ich hoffe, dass es weitergeht“, sagt er.

Erst 2018 schloss er seine Ausbildung beim Tagebaubetreiber ab. Der 36-Jährige hofft, bis zur Rente in dem Industriezweig arbeiten zu können. Halt gibt dem zweifachen Vater, dass er eine zweite Ausbildung als Maurer in der Tasche hat. Zwölf Jahre sei er zudem bei der Bundeswehr gewesen. „Ich werde immer Arbeit finden“, sagt er.

Die Menschen in der ostdeutschen Region haben schon einmal erlebt, was Strukturbruch bedeutet. Zehntausende verloren nach der Wende ihren Job in der Braunkohleindustrie. Tagebau um Tagebau aus DDR-Zeiten wurde dicht gemacht. Zur Wendezeit im Jahre 1989 gab es im Lausitzer Revier noch fast 80000 Beschäftigte. Innerhalb von zehn Jahren sank ihre Zahl auf unter 10000. Viele mussten umschulen, neue Berufe erlernen oder waren arbeitslos. Heute arbeiten in den vier Gruben und mehreren Braunkohle-Kraftwerken in der Lausitz noch rund 8000 Menschen.

Wie groß die Kluft zwischen Braunkohlegegnern und -befürwortern in Deutschland ist, lässt sich auch in Welzow erleben. Denn längst nicht alle in der Stadt sind für die Kohle. Das hat mit einer zweiten Unsicherheit zu tun, die seit Jahren umgeht. Im Welzower Ortsteil Proschim bangen Einwohner um ihre Häuser. Um ihre Heimat. Wenn der angrenzende Tagebau einmal erweitert werden sollte, müsste das Dorf abgebaggert werden und die Menschen müssten umsiedeln. Der Tagebaubetreiber will dies bis 2020 entscheiden. Im jetzigen Teilabschnitt I wird es voraussichtlich Mitte der 2030er Jahre keine Kohle mehr geben. Bis zur Entscheidung hängen die Proschimer in der Luft.

Martin Schröer ist Proschimer. Er will nicht weg von hier. Der 54-Jährige lebt seit 1995 mit seiner Familie in dem Dorf. Es ist ein sehr gepflegtes Grundstück mit Backsteingebäuden. Im Innenhof stehen alte Bäume. Hier hat Schröer auch das Büro seiner Heizungs- und Sanitärfirma. Fast alles bauten sich die Schröers selbst auf. Schröer blickt von seinem Wohnhaus auf ein weites Feld. Im Hintergrund sind Windkrafträder zu sehen. Für ihn ist es ein Unding, dass in Zeiten des Klimawandels noch Braunkohle gefördert wird. Er ist zwar froh, dass der Kohleausstieg geplant wird, fordert aber, dass die Braunkohle-Mitarbeiter eine Perspektive bekommen. Ein Enddatum für die Kohleverstromung hält Schröer für wichtig. Auch für sich persönlich: „Die Unsicherheit würde aufhören.“ Gerade erst habe die Familie in die Fassade des Hauses investiert. „Wenn der Bagger käme, wäre das weg.“

Die Braunkohle ist in dem Ort schon lange ein Streitthema. „Hier sind Freundschaften kaputt gegangen deswegen“, sagt der Heizungsinstallateur. Manche Proschimer würden quasi auf gepackten Koffern sitzen, weil sie sich eine Umsiedlung sogar wünschen. Andere hängen an ihrem Zuhause.

Trotz aller Ungewissheit um die Braunkohle versucht die Kleinstadt Welzow, den Blick nach vorne zu richten. Bürgermeisterin Zuchold jedenfalls sagt: „Ich möchte immer Aufschwungstimmung verbreiten. Es lebt sich hier gut.“ Die Kommune setzt auf neue Impulse in der Wirtschaft. Gewerbeflächen sind erschlossen. Es gebe Anfragen von Investoren, sagt sie. „Wir sind froh, dass wir es geschafft haben, einen Spielgerätehersteller in Welzow zu etablieren. Das ist ein erster kleiner Schritt.“ Anna Ringle, dpa

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