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Archivherbst

01.12.2018

Die Lebenserinnerungen und -lügen einer Diva

Das Leben von Marlene Dietrich stand im Mittelpunkt des Archivherbstes mit (von links) Kulturbüro-Leiterin Ursula Off-Melcher, Literaturwissenschaftlerin Eva Gesine Baur und Stadtarchivarin Susanne Lorenz. Das Duo Saitenmacher mit Heiner Lehmann und Sabine Olbing ließ die Lieder der Diva aufleben.
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Das Leben von Marlene Dietrich stand im Mittelpunkt des Archivherbstes mit (von links) Kulturbüro-Leiterin Ursula Off-Melcher, Literaturwissenschaftlerin Eva Gesine Baur und Stadtarchivarin Susanne Lorenz. Das Duo Saitenmacher mit Heiner Lehmann und Sabine Olbing ließ die Lieder der Diva aufleben.

Eva Gesine Baur liefert ein facettenreiches Bild von Marlene Dietrich und blickt auch auf ihre dunklen Seiten

Ein aufgewühltes Leben mit Glamour und Demütigen packte Stadtarchivarin Susanne Lorenz beim Königsbrunner Archivherbst in einen informativen Abend mit fesselndem Vortrag und wunderbarer Musik. Referentin war in diesem Jahr Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin Eva Gesine Baur, ihr Thema das Leben von Marlene Dietrich. Dazu spielte das Duo Saitenmacher mit Sängerin Sabine Olbing und Gitarrist Heiner Lehmann die bekanntesten Lieder der Film- und Musik-Ikone. Los ging es mit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, dem Lied mit dem Dietrich in dem Film „Der blaue Engel“ berühmt wurde und es folgten noch viele bekannte Lieder wie „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ und „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Zuvor erzählte Baur von den frühen Jahren der Dietrich, die sie nachher im Vortrag nur noch Marlene nennen wird, wie jemanden, den man gut kennt. Die Buchautorin recherchierte für ihr Werk „Einsame Klasse, das Leben der Marlene Dietrich“ in Archiven, las Dokumente, Berichte und die Korrespondenz, die der Weltstar mit Vertrauten und anderen Weltstars führte. Und sie erzählte auch von wütenden E-Mails, die sie erhielt, als sie kritische Nachfragen stellte. Dabei räumte Baur mit so mancher Lüge – und auch Lebenslüge – auf, denn Dietrich streute absichtlich falsche Informationen. Beispielsweise soll sie 1930, als sie mit 29 Jahren nach Hollywood ging, gegenüber einer Freundin gesagt haben: Das kommt doch alles viel zu spät, ich bin jetzt 29 Jahre alt. Nur wenig später strahlte die Diva einen Journalisten an und erklärte: Ich bin jetzt 25 Jahre alt und mache Karriere.

Ebenfalls hält sich hartnäckig die Behauptung, Marlene Dietrich hätte an der Musikhochschule Weimar eine Ausbildung zur Konzertgeigerin absolviert. Dietrich hat das in ihrer Autobiografie selber so geschrieben und auch in Wikipedia kann man das heute immer noch so nachlesen. „Aber sie war nie Studentin an der Musikhochschule in Weimar“, erläuterte Baur. Es befände sich in den Archivbeständen keine Spur von ihr. Weder eine eigene Akte noch andere Hinweise. Insgesamt zeichnet Baur ein differenziertes, aber auch liebevolles Bild von der Diva, die ihren Mythos mit viel Anstrengung pflegte und auch so manche Ablehnung erfuhr. So wurde sie in Deutschland bespuckt und erhielt Morddrohungen als sie nach Kriegsende zurück kam.

Die Autorin skizierte auch das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem Marlene Dietrich lebte. Als Marlene Teenager war, herrschte der Erste Weltkrieg und Hunger: „In den Metzgerläden hängen Eichhörnchen, Bussarde, Krähen, Spechte und Wiedehopfe.“ Am 5. Januar 1915 erließ die Reichsregierung wegen Getreidemangel ein Nachtbackverbot. Hierzu befinden sich auch Dokumente im Königsbrunner Archiv, die Stadtarchivarin Susanne Lorenz den knapp 100 Besuchern zeigte. In der authentischen Archivale vom 18. Januar 1915 heißt es dazu: „Den hiesigen Bäckereien wird gegen Unterschrift eröffnet, dass alle Arbeiten (…) in der Zeit von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens verboten sind“. Unterschrieben wurde das Dokument von Bürgermeister Pfitzenmaier und den Königsbrunner Bäckern Georg Bachinger, Theres Schreijak (zuletzt Café Schreijak), Michael Kindig und Anna Schreijak (heute Bäckerei Forster). Lorenz wurde schon vor längerer Zeit durch verschiedene Berichte auf die Referentin aufmerksam, wie sie am Rande der Veranstaltung erklärte. Baurs neueste Arbeit über Marlene Dietrich habe sie zum Anlass genommen, die mehrfach ausgezeichnete Autorin einzuladen. Die nächste Auszeichnung erhält Eva Gesine Baur am 9. Dezember. Dann bekommt sie den Bodensee-Literaturpreis und gesellt sich damit zu so namhaften Autoren wie Martin Walser und Golo Mann. Kulturbüro-Leiterin Ursula Off-Melcher hob in ihrem Schlusswort hervor, wie wichtig die Archivarbeit ist, bewiese dieser Abend. Und ein besonderes Lob sprach Off-Melcher an die Stadtarchivarin: „Sie haben alles, Sie wissen alles und vor allem finden Sie auch alles wieder.“

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