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Graben

13.11.2019

Frankenstein und die Frage der künstlichen Intelligenz

Victor Frankenstein alias Theo alias Jörg Schur bei der Zubereitung seines menschlichen Wesens auf der Bühne des Gräbinger Büchereibistros.
Bild: Petra Manz

Das Sensemble-Theater zeigt in Graben ein blutiges Stück und nimmt Bezug zu zwei aktuellen Themen.

Die neue Nummer „Frankenstein unlimited“ des Sensemble-Theaters zog in Graben eine vergleichsweise schwache Zuschauerzahl ins Kulturzentrum. Aber die gut 60 Gäste im Büchereibistro hatten ihren Spaß mit den Schauspielern Birgit Linner und Jörg Schur, denen Autor Sebastian Seidel das Stück auf den Leib geschrieben hat.

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Der dem Theaterstück zugrunde liegende Stoff ist der von Mary Shelley 1818 zunächst anonym veröffentlichte Schauerroman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“, der zu den bedeutendsten Stücken der Weltliteratur zählt, erklärt der Spielleiter dem Publikum. Der pedantische Spielleiter Theo (Jörg Schur) und der eher niederschwellig ansprechbare Schauspieler Bernhard (Birgit Linner) wechseln auch hier vor den Augen des Publikums Rollen und Requisiten, die slapstickartig zum Einsatz kommen, sprechen die Zuschauer an, kommentieren und diskutieren über ihre Rollen, agieren so abwechselnd auf verschiedenen Rollen- und Zeitebenen, fallen praktisch ständig mit komischem Geplänkel aus diesen heraus und treiben dennoch die Handlung des Stückes voran.

Frankenstein erschafft sein Monster in einem Mixgefäß

Da erschafft Victor Frankenstein alias Theo sein Monster in einem wannenähnlichen Mixgefäß, in das unter anderem ein Gummiherz, Plastikarme und -beine einer Schaufensterpuppe, fertig gewürztes und in Vakuum verpacktes Fleisch, eine Zwei-Meter-Würstchenkette auf den darin liegenden Bernhard fliegen, über den sich dann auch noch ein ordentlicher Schwall Blut in Form einer roten Flüssigkeit ergießt.

Frankenstein und die Frage der künstlichen Intelligenz

Da verfolgt Frankenstein sein Monster in wilder Jagd und mit noch wilderem Geschrei durch den Zuschauerraum. Und Monster Bernhard antwortet in Zorn- und Hassausstößen mit nicht weniger urgewaltigen Lauten aus der Tiefe seines vermeintlichen Monsterkörpers. Dabei ist bei aller Komik, Rollenkonfusion, im Krach und Gebrüll des Bühnengeschehens der Bezug zu zwei brennenden Themen unserer Zeit nicht zu übersehen: die „Künstliche Intelligenz“ und die Einsamkeit und Ausgegrenztheit durch Andersartigkeit aus unserer Gesellschaft.

Victor Frankenstein erschafft ein abschreckendes aber intelligentes Wesen

Denn der ehrgeizige Chemiker Victor Frankenstein entdeckt das Geheimnis, wie man toten Stoffen Leben einhaucht, und beschließt, ein menschliches Wesen zu erschaffen, getrieben von der Frage: „Was ist jenes Etwas in uns, das wir Leben nennen?“ Die Kreatur, äußerlich unansehnlich und abschreckend, so Spielleiter Theo, „ist außerordentlich intelligent und lernt durch Beobachtung. Sie besitzt künstliche Intelligenz und verhält sich menschenähnlich. Frankenstein hat schon vor 200 Jahren das Wunder vollbracht, eine Maschine zu bauen, die intelligent reagiert oder sich eben wie ein Mensch verhält.“

Als im Schlussszenario der Geschichte Frankenstein alias Theo am Ende seiner Kräfte und seines Lebens halb am Boden liegend seine Erkenntnis aus dem von wissenschaftlichem Ehrgeiz getriebenen Schaffensprozess, der dieses künstliche Leben in Gestalt des mordenden Ungeheuers hervorgebracht hat, resümiert, ist es im Zuschauerraum still.

Die tragische und ethische Dimension der Geschichte schlägt für eine kurze Weile durch. Und man könnte meinen, es wird hier warnend der Finger erhoben gegen die Auswüchse künstlicher Intelligenz, die die moderne Wissenschaft vorantreibt. „Bringt mein Werk zu Ende, vernichtet meine Kreatur. Sucht euer Glück in der Beschaulichkeit, geht jedem Ehrgeiz aus dem Wege“, so die Bitte des sterbenden Frankenstein an alle.

Aber Theo und Bernhard wären nicht Akteure einer Sensemble-Theater-Inszenierung, würden sie zum Schlusspunkt der Geschichte nicht nochmals die anklingende Tragik brechen. So folgt auf Tragik Pop und transformiert Ausgegrenztheit durch Anderssein, Einsamkeit und fehlende Liebe als Motor für das Böse im Monster zu einer Hymne auf die Bejahung des eigenen Selbst. Bei dem Lied „I Am What I Am“ stimmte auch das Publikum mit ein.

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