Stadtgeschichte

15.09.2016

Augsburgs dritter heiliger Michael

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3 Bilder
Die Figurengruppe St. Michael und Luzifer wurde vor über 400 Jahren in Augsburg gegossen. Anno 1607 wurde sie an der Zeughausfassade angebracht.

Der mächtige Erzengel am Zeughaus hat einen kleinen Doppelgänger. Welche Rolle eine Ururenkelin eines bekannten Augsburger Bankiers in dieser Angelegenheit spielt

St. Michael ist in Augsburg der populärste Erzengel: Als Turamichele wartet er die meiste Zeit im Jahr im Perlachturm auf seinen Auftritt an seinem Namenstag am 29. September. Das mächtige Figuren-Ensemble St. Michael und Luzifer schmückt die Fassade des städtischen Bildungs- und Begegnungszentrums Zeughaus. Dort wird in einer Vitrine bald eine dritte Michael-Figur zu sehen sein: eine Kopie der Großskulptur an der Fassade im Kleinformat. Die etwa 80 Zentimeter hohe Bronze ist im Besitz der Zeughausverwaltung.

Am 30. Dezember 1603 hatte der Bildhauer Hans Reichle (1570-1642) den Auftrag erhalten, das neue reichsstädtische Zeughaus zu schmücken. Er modellierte einen St. Michael für den Guss im Wachsausschmelzverfahren. Stadtgießer Wolfgang Neidhart fertigte ihn in der reichsstädtischen Gießhalle am Katzenstadel (heute Bibliothek des Stetten-Instituts). 1607 konnte die ohne Flügel, Schwert und Umhang 83 Zentner schwere, 4,10 Meter hohe Bronzeplastik angebracht werden.

Skulptur wurde im Zweiten Weltkrieg zur Sicherheit abgenommen

Am 16. September 1941 hing die riesige Skulptur an einem Flaschenzug: Sie wurde abgenommen und vor den befürchteten Bombenangriffen in Sicherheit gebracht. Dieser denkwürdige Tag jährt sich morgen zum 75. Mal. Erst im November 1947 kehrten St. Michael und Luzifer wieder an das erhalten gebliebene Zeughaus zurück. Da bekam St. Michael auch seine abgenommenen Flügel sowie seine „Bewaffnung“ wieder.

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Dass es von der Figurengruppe einen kleinen Doppelgänger gibt, wussten nur Nachfahren des Augsburger Bankiers Max Schwarz (1848-1917). Er hatte um 1900 St. Michael samt Luzifer formen und gießen lassen. Die Bronzeplastik blieb nach seinem Tod fast 100 Jahre in der Familie. Die Nachkommen sind schon lange nicht mehr in Augsburg ansässig. Unter ihnen war mündlich überliefert, das Vorbild sei der mächtige St. Michael am Zeughaus gewesen. Dieser habe Max Schwarz bereits in seiner Kindheit fasziniert.

Kommerzienrat Max Schwarz 1912 im Alter von 64 Jahren. Er ließ um 1900 die kleine Kopie von St. Michael anfertigen

Eine Ururenkelin nahm Anfang 2016 Kontakt mit der Zeughausverwaltung auf. Sie fragte an, ob dort Interesse an dem Bronzeengel bestehe. Der Familie sei daran gelegen, ihn wieder in Augsburg unterzubringen. Das Angebot stieß sofort auf Interesse, zumal der genannte Kaufpreis sehr moderat war. Die Übergabe setzte Recherchen in Gang: Wer war Max Schwarz, der die Figurengruppe von einem bislang unbekannten Künstler im Kleinformat modellieren ließ?

Die im Stadtarchiv verwahrten Familien- und Meldebögen, Adressbücher und eine Firmenchronik der MAN ermöglichten die Rekonstruktion der Lebensgeschichte. Max Schwarz wurde am 8. Oktober 1848 in Augsburg als Sohn eines Schreinermeisters geboren. Bei seiner Heirat 1872 war er Prokurist bei der Stetten-Bank, ab 1873 Hausbesitzer. 1879 wurde Max Schwarz als 30-Jähriger Teilhaber des Bankhauses P. C. Bonnet an der Ludwigstraße. 1889 erwarb er das stattliche Gebäude für 107000 Goldmark. Mit seinen Brüdern Karl und Alfred betrieb er die Bonnet-Bank bis 1905, dann ging sie in der Bayerischen Disconto- und Wechsel-Bank auf.

Am 29. Dezember 1887 erhielt Max Schwarz den Titel „Königlich-Bayerischer Kommerzienrat“. „Wurde am 2. Januar 1900 als bürgerlicher Magistratsrat in die Pflicht genommen“, lautet ein Eintrag in seinem amtlichen Meldebogen. Bis 1905 dauerte die erste Periode als Mitglied des Augsburger Stadtmagistrats. 1901 wurde auch die Verleihung des bayerischen St.-Michael-Ordens 4. Klasse und 1916 des König-Ludwig-Kreuzes registriert. Als Handelsrichter beim Landgericht Augsburg fungierte Kommerzienrat Max Schwarz von 1907 bis 1910. Ab 1912 vertrat er nicht nur als „Landrat“ (Abgeordneter) die Stadt Augsburg im Bayerischen Landtag, sondern wurde wiederum zum Magistratsrat bis 31. Dezember 1917 bestimmt. Max Schwarz erlebte das Ende dieser Periode nicht: Er starb am 29. Juni 1917 in seinem Haus Stettenstraße 10, das er 1910 erworben hatte.

Kleine Michael-Statue von Max Schwarz wohl bei Linde gegossen

Hauserbin war Tochter Bertha Louisa, seit 1896 mit Karl Mantel verheiratet. Dieser war von 1923 bis zu seinem Tod 1929 Polizeipräsident von München. Die Tochter hatte den Miniatur-Michael geerbt. Er sei um 1900 „bei Linde“ gegossen worden, ist in der Familie überliefert. Das dürfte richtig sein: Ab 1891 war Max Schwarz nämlich Aufsichtsrat einer Tochterfirma der Linde AG. Der Bankier gehörte ab 1898 dem Aufsichtsrat der MAN an, von 1900 bis zu seinem Tod war er Vorsitzender. Im Jahre 1912 saß er in zwölf Aufsichtsräten von Aktiengesellschaften.

Welches hohes Ansehen er in Augsburg genoss, darauf deutet ein Porträtfoto von „Kommerzienrat Max Schwarz“ in einem vom Fotografen Konrad Reßler (Bahnhofstraße 24) 1912 aufgelegten Werbeheft. Es enthält Fotos angesehener Augsburger Persönlichkeiten, die sich in Reßlers „Atelier für moderne Kunstfotografie“ ablichten ließen.

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