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Weltmeisterschaft
24.06.2019

Der Zeh der Nation

Dzsenifer Marozsan scheint vom Pech verfolgt zu sein. Eine schlimme Erfahrung aus dem Vorjahr hilft ihr nun aber. Der Star des Teams scheint rechtzeitig fit zu werden

Es gibt ein schönes Ritual, das die deutschen Fußballerinnen nach dem Aufwärmen aufführen: Die Ersatzspielerinnen bilden ein Spalier, dann sprinten die für die Startelf nominierten Akteure los, um sich mit einem Abklatschen noch Aufmunterung abzuholen. In Grenoble hat vor dem Achtelfinale gegen Nigeria auch wieder Dzsenifer Marozsan mit ausgestreckter Hand gewartet. Kommenden Samstag im Roazhon Park von Rennes, wenn es bei der WM weitergeht, soll die Spielmacherin wieder zu denjenigen gehören, die sich die Anfeuerung abholen.

„Im Viertelfinale wird sie auflaufen“, stellte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg heraus. Weil fußballerischer Fortschritt nur mit jener Unterschiedsspielerin von Olympique Lyon zustande kommen kann, der im ersten Gruppenspiel gegen China (1:0) nach einer rüden Attacke von Shanshan Wang die mittlere Zehe des linken Fußes brach. Die Übeltäterin hat sich bei der deutschen Topspielerin weder gemeldet noch entschuldigt.

Normalerweise liegt die Heilungszeit der Fußfraktur bei sechs bis acht Wochen, aber für den Notfall hätte die Spielmacherin bereits gegen Nigeria helfen sollen, wie Voss-Tecklenburg erläuterte: „Wir hätten sie eingewechselt, wenn wir sie gebraucht hätten. Jetzt sind wir froh, dass sie eine Woche an ihrer Physis arbeiten kann. Stand heute würde ich sagen: Sie wird spielfähig sein.“ Die Diagnose war vor zwei Wochen im Krankenhaus noch am selben Abend bekannt, aber erst mit tagelanger Verzögerung kommuniziert worden, weil der Schock allen Beteiligten tief in die Glieder gefahren war.

Die 27-Jährige äußerte sich erstmals über ihre dritte Verletzungsgeschichte bei einer WM. Nie hat sie auf dieser Bühne gesund ihr Können zeigen können, 2011 in Deutschland hinderte ein Innenbandanriss im Knie sie an der Teilnahme, 2015 in Kanada wurde ein Bänderriss im Knöchel erst nach der Rückreise erkannt.

„Natürlich ist das scheiße und man ist im ersten Moment enttäuscht, aber wenn man darüber nachdenkt, was letzten Sommer passiert ist, dann ist das nichts dagegen.“ Eine beidseitige Lungenembolie hatte für die in Budapest geborene Tochter des ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan lebensbedrohliche Ausmaße angenommen. Die dramatischen Umstände von damals helfen, jetzt alles in den richtigen Relationen zu verorten.

Der lädierte Zeh, im medizinischen Fachbegriff Digitus pedis III, ist nur mit einem Tape geschützt. „Ich habe einen rechten Fuß und der funktioniert einwandfrei – und deswegen kann ich auch gegen den Ball treten.“ Aus ihrer Sicht sei das Risiko überschaubar. Fakt ist aber auch: „Ich habe noch Schmerzen. Der Zeh ist immer noch gebrochen, und er wird nicht schneller zusammenwachsen.“

Ihre Absenz hat zuletzt Lina Magull genutzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Marozsan gönnt der 24-Jährigen die Einsatzzeiten von ganzem Herzen: „Sie ist eine geile Kickerin, eine Straßenfußballerin.“ Die Mittelfeldspielerin des FC Bayern interpretiert die Rolle jedoch anders als die Strategin: mit vielen Dribblings, worunter mitunter die Übersicht leidet. An Marozsans Klasse kommt Magull nicht heran. „Uns fehlt eine der besten Fußballerinnen der Welt“, sagte Voss-Tecklenburg am Samstag. „Wir sind heute auch für sie marschiert, damit sie bei diesem Turnier auf den Platz zurückkehren kann.“ Denn keiner sehnt den Auftritt in der Finalwoche mit Halbfinale und Finale in Lyon so sehr herbei wie die dort beheimatete Edeltechnikerin. Frank Hellmann

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