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Auslandsaufenthalt

24.03.2015

Vom kleinen Weiler in die Millionenstadt

Lukas Fitz (rechts oben) mit den Kindern des Kindergartens „Khanyisa“, in dem er seinen Freiwilligendienst absolviert hat. Hier haben sie einen Ausflug in einen botanischen Garten gemacht, in dem die Kinder zum ersten Mal im Grünen spielten.
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Lukas Fitz (rechts oben) mit den Kindern des Kindergartens „Khanyisa“, in dem er seinen Freiwilligendienst absolviert hat. Hier haben sie einen Ausflug in einen botanischen Garten gemacht, in dem die Kinder zum ersten Mal im Grünen spielten.

Zwei Jugendliche lernten inmitten von Armut großes Glück kennen. Die Gefühle waren konträr

Von den Demharthöfen des Zusamtals in die Millionenmetropole Santiago de Chile. Dieses Abenteuer beging die 20–jährige Julia Mengele nach ihrem Schulabschluss. Denn wie aktuell viele Jugendliche hat sie sich für einen längeren Auslandsaufenthalt entschieden.

Die jetzige Studentin verließ deshalb im Herbst 2013 ihren nur 18 Einwohner zählenden Weiler, um zunächst in die Millionenmetropole Santiago de Chile zu ziehen und dort einen Spanischkurs zu absolvieren. Anschließend arbeitete sie im Süden das Landes in einem Hotel als Praktikantin. „Ich musste zum ersten Mal alleine fliegen und umsteigen. Davor hatte ich im Vorfeld die größte Angst. Außerdem fürchtete ich, dass es schwer werden könnte, Kontakt zu meinen deutschen Freunden zu halten“, erinnert sich Julia Mengele zurück. Im Nachhinein stellte sich aber weder das Fliegen, noch die deutschen Freundschaften als Probleme heraus.

Zudem lernte sie auch in Chile viele sympathische Menschen kennen. „Das schönste Erlebnis war, meine chilenische Freundin Pia in ihrer Heimat besuchen zu können und mit ihr zu reisen. Pia opferte all ihr Erspartes, um mir ihr Land zeigen und erklären zu können.“ Die Zufriedenheit der Chilenen bewundert die 20-Jährige am meisten. „Ich habe so viele Menschen getroffen, die sich einfach zufrieden zeigten mit dem, was sie hatten, auch wenn das nicht besonders viel war. Davon könnten sich viele Deutsche eine Scheibe abschneiden.“ Zudem fasziniere sie an den Chilenen die Toleranz der Einheimischen gegenüber ihr als Ausländerin.

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Diese Offenheit durfte auch Lukas Fitz aus Meitingen erfahren, der ein Jahr lang in Kapstadt (Südafrika) in einem Kindergarten gearbeitet hat. „Ein Spitzname von Südafrika ist „Rainbow–Nation“ (Regenbogen–Nation). Es leben hier so viele unterschiedliche Menschen zusammen in Frieden. Die Südafrikaner nehmen jeden als Ihresgleichen an, es kann also jeder ein Südafrikaner sein. Von dieser Akzeptanz könnten sich viele Länder etwas abschauen.“

Allerdings erfuhren die beiden Zusamtaler auch Erschreckendes. Lukas Fitz erinnerte sich dabei an allgegenwärtige Armut, Leid und Tod, besonders in den Townships (Slums), in denen er gearbeitet hat. „Trotzdem spürt man eine ungemeine Lebensfreude bei den Menschen. Diese fängt schon bei den ganz kleinen Dingen an und ist sehr bewundernswert.“ Andere Viertel Kapstadts seien dagegen sehr luxuriös gestaltet, vornehmlich für Reiche und Weiße. Die Auswirkungen der Rassentrennung während der Apartheid machten sich bis heute noch stark bemerkbar.

Julia Mengele dagegen berichtet von einer Arbeitskollegin, die ihr glücklich ihren ganzen Stolz, ihr Haus zeigte. Das Haus glich eher einer Hütte – ohne Heizung und mit einer Toilette außerhalb. „Unter den Leuten, die ich dort kennenlernte, galt dies als gehobener Lebensstandart.“ Trotz dieser ärmlichen Lebensumstände habe ihr eine Arbeitskollegin zum Abschied ein Kleidungsstück geschenkt, wofür sie in etwa ein Monatsgehalt ausgegeben hatte. „Das hat mich wirklich zutiefst gerührt“, erinnert sich die Studentin.

Die deutschen Hotelgäste in dem Hotel, in dem Julia Mengele ihr Praktikum absolviert hat, wirkten im Gegensatz dazu oft sehr verwöhnt. Sie seien dafür bekannt gewesen, immer viel Leistung für wenig Geld zu fordern. Und dennoch gelte Deutschland bei vielen Chilenen als Vorbild.

„Mein größter Traum ist schon immer, einmal nach Deutschland zu kommen“. Diesen Satz hörte die 20-Jährige sehr oft. Schockiert war sie hingegen, als sie die ersten Male gefragt wurde, ob denn der Zweite Weltkrieg schon vorbei sei und Adolf Hitler noch lebe. „Man muss bei solchen Fragen daran denken, dass Deutschland für die Chilenen am anderen Ende der Welt ist. Auch aufgrund der schlechten Bildungsverhältnisse sind sie nicht so gut über die deutsche Geschichte informiert, wie wir selbst.“

Der Heimflug stellte für Julia Mengele zugleich die größte Herausforderung und eines der schönsten Erlebnisse dar. „Ich befand mich in einem riesigen Zwiespalt. Einerseits freute ich mich auf meine Familie und Freunde in Deutschland– andererseits musste ich mein komplettes chilenisches Umfeld zurück-lassen.“

Für Lukas Fitz war die Rückkehr nach Deutschland nicht einfach. „In Kapstadt hatte ich keinen wirklichen Kulturschock. Das war eher ein schleichender Prozess des Dazulernens. Bei meiner Heimkehr dagegen erfuhr ich einen kompletten Schock. Ich verstehe beispielsweise oft immer noch nicht, warum sich viele Deutsche über Probleme aufregen, die eigentlich gar keine sind – wie zum Beispiel Pünktlichkeit.“ (maxre)

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