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Fragen und Antworten

27.07.2020

Der Fall Wirecard: Eine Betrügerbande im Dax?

Der Wirecard-Skandal hat viele Fragen aufgeworfen.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Der Wirecard-Skandal ist der womöglich größte Betrugsfall seit 1945 - und das bei einem Konzern in der obersten Börsenliga. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Börsenkrimi.

Der Dax-Konzern Wirecard galt international als Rarität: eine seltene deutsche Erfolgsgeschichten in der IT-Industrie. Scharen von Kleinanlegern huldigten Vorstandschef Markus Braun wie einem Guru, weil der österreichische Manager sie wohlhabend gemacht hatte.

Mittlerweile sieht es so aus, als sei Wirecard in ganz anderer Hinsicht eine noch viel größere Seltenheit gewesen: Wenn sich die bisherigen Ergebnisse der Ermittlungen bestätigen, würde Wirecard in zweierlei Hinsicht Verbrechensgeschichte schreiben: Zum ersten Mal scheint einem Unternehmen mit organisiertem Betrug der Aufstieg in die Dax-Oberliga der 30 wertvollsten deutschen Unternehmen geglückt zu sein. Gleichzeitig könnte der Wirecard-Skandal der womöglich größte Betrugsfall in Deutschland seit 1945 sein.

Fall Wirecard: Wie ist der Ermittlungsstand?

Wirecard sitzt als Dienstleister für bargeldlose Zahlungen an Ladenkassen und im Internet an der Schnittstelle zwischen Händlern und Kreditkartenfirmen – ein hart umkämpfter Markt. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen machte Wirecard aber jahrelang Verluste. Spätestens 2015 soll die Wirecard-Chefetage deswegen beschlossen haben, diese durch frei erfundene Scheingeschäfte zu kaschieren. Dazu wurden Umsätze im großen Stil mit Subunternehmern im Mittleren Osten und in Südostasien fingiert, die angeblich Zahlungen für Wirecard abwickelten. Die Scheinumsätze dieses „Drittpartnergeschäfts“ wurden auf Treuhandkonten verbucht, bis Ende vergangenen Jahres in Singapur, anschließend auf den Philippinen. Zuletzt lagen dort angeblich 1,9 Milliarden Euro. Doch existierten nach Angaben zweier philippinischer Banken weder die Gelder noch die Konten.

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Wer steckt hinter dem mutmaßlichen Betrug bei Wirecard?

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht von „gewerbsmäßigem Bandenbetrug“ aus. Als Beschuldigte bekannt sind Ex-Vorstandschef Markus Braun, der frühere Finanzchef Burkhard Ley, der frühere Leiter der Buchhaltung und der Geschäftsführer der Wirecard-Tochterfirma Cardsystems Middle East in Dubai, über die ein beträchtlicher Teil der Scheingeschäfte organisiert wurde. Da es sich um eine internationale Operation handelte, waren mutmaßlich sehr viel mehr Menschen beteiligt, unter anderem der flüchtige Ex-Vertriebsvorstand Jan Marsalek, ebenso die Treuhänder in Singapur und auf den Philippinen oder auch die Manager mehrerer Firmen, über die das „Drittpartnergeschäft“ organisiert wurde.

Was sagen die Beschuldigten?

Die Anwälte von Ex-Vorstandschef Braun geben derzeit keine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab und verweisen auf die Unschuldsvermutung. Zuvor hatte Braun Kooperation zugesagt, ebenso der frühere Dubai-Geschäftsführer. Ex-Vertriebschef Marsalek ist flüchtig, seine Anwaltskanzlei möchte sich ebenfalls nicht äußern.

Wie hoch ist der Schaden durch den mutmaßlichen Betrug bei Wirecard?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft könnten rund 3,2 Milliarden Euro an Krediten verloren sein, die Banken und Investoren der Wirecard gewährten. Darüber hinaus hat Wirecard seit dem Höchststand der Aktie im Herbst 2018 über 20 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Daher zählen auch tausende Kleinanleger zu den Geschädigten.

Fall Wirecard: Werden Kleinanleger Geld zurückbekommen?

Diese Frage lässt sich derzeit aus mehreren Gründen schwer beantworten: Zum einen ist das Insolvenzverfahren noch vorläufig. Derzeit wird die Insolvenzmasse gesichert, sprich man schaut – vereinfacht gesagt –, was noch da ist. Das kann noch ein paar Wochen dauern. Sascha Straub, Finanzexperte von der Verbraucherzentrale Bayern, sagt: „Das Risiko der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens ist sehr hoch. Aber es kommt letztlich auf die Investoren an. Und dann ist offen, was für die Kleinanleger da übrig bleibt. Es gibt noch sehr viele Fragezeichen.“ Das gilt auch für die Klagen, die mehrere Kanzleien nicht nur gegen Wirecard und Ex-Vorstände des Unternehmens, sondern auch gegen die Wirtschaftsprüfer von EY und die BaFin angestrengt haben.

Wieso fielen derart groß angelegte Manipulationen bei Wirecard so lange nicht auf?

Sowohl Ermittler als auch Beobachter rätseln, wieso sich über Jahre keiner der mutmaßlich vielen Mittäter und -wisser in mehreren Ländern der Justiz anvertraute. Die Münchner Staatsanwaltschaft berichtete von „Korpsgeist“ und „Treueschwüren gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden“. Aber auch an der Rolle der Finanzaufsicht BaFin und den Wirtschaftsprüfern von EY gibt es viel Kritik.

Haben die Behörden und/oder Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard versagt?

Die mutmaßlichen Täter errichteten mit immensem Aufwand eine komplexe Scheinwelt, um Kontrolleure zu täuschen – mit einer Vielzahl von Tochterfirmen und angeblichen Geschäftspartnern bis hin zu fingierten Saldenbestätigungen für die Treuhandkonten. Auf der anderen Seite liegen im Nachhinein Schwachstellen des Konstrukts offen zutage. So geht aus den für jedermann einsehbaren Bilanzen der Muttergesellschaft Wirecard AG zweifelsfrei hervor, dass ein außergewöhnlich hoher Anteil der Gewinne in Dubai erwirtschaftet wurde, der Großteil der zum Konzern gehörenden Firmen aber Verluste schrieb oder Minigewinne machte. Nachträglich ebenfalls leicht nachzurecherchieren war, dass Wirecard bei Kreditkartenzahlungen in Deutschland einen sehr kleinen Marktanteil von unter fünf Prozent hat. Das passt nicht zu dem stürmischen Wachstum, das Wirecard Jahr um Jahr meldete. Lange berichtete die britische Financial Times über Ungereimtheiten, doch die große Mehrheit der Investoren, Analysten, Anleger, Aufseher und Medien vertraute auf die testierten Bilanzen. Zudem gab es wohl tatsächlich bösartige Manöver von Börsenspekulanten gegen Wirecard. 2019 ermittelten Finanzaufsicht BaFin und Münchner Staatsanwaltschaft deswegen zuerst in diese Richtung – zumindest soweit bisher bekannt. Das machte es dem Wirecard-Management leichter, Vorwürfe als üble Nachrede zu diskreditieren. (dpa, kuepp)

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