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Export
29.12.2018

Die Wut der Waffenhersteller

In Deutschland wird die Rüstungsindustrie oft skeptisch gesehen. Die Bundesrepublik hat deutlich restriktivere Exportrichtlinien als die großen europäischen Bündnispartner.
Foto: Marc Tirl, dpa

Die Umsätze der Rüstungsindustrie gehen auch 2018 zurück. Der Lieferstopp für Saudi-Arabien erzürnt die Branche zusätzlich. Die sonst so zurückhaltende Industrie reagiert jetzt ungewöhnlich scharf

Bei den deutschen Rüstungsexporten zeichnet sich das dritte Jahr in Folge ein Rückgang ab. Bis zum 13. Dezember wurden nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums Ausfuhren von Waffen und anderen Rüstungsgütern im Wert von 4,62 Milliarden Euro genehmigt. Im gesamten Vorjahr waren es noch 6,24 Milliarden Euro. Die Industrie reagiert mit scharfer Kritik an der Regierung, wirft ihr Unzuverlässigkeit vor und droht gar mit Schadenersatzforderungen.

Die deutsche Rüstungsexportpolitik sei „unvorhersehbar“ und für Kunden und Partnerländer „durch überraschende Wendungen oft nicht nachvollziehbar“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, kurz BDSV, Hans Christoph Atzpodien. „Dadurch wurden erhebliche Irritationen gerade auch bei unseren europäischen Partnern ausgelöst. Das muss sich ändern.“ Außergewöhnlich deutliche Worte für eine Branche, die sich mit Stellungnahmen normalerweise sehr zurückhält. Die Bilanz ist aus ihrer Sicht für dieses Jahr aber auch besonders dürftig. Ein Wachstum gab es zuletzt 2015, damals auf einen Rekordwert von 7,86 Milliarden Euro.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, kritisierte trotz des Rückgangs die deutsche Rüstungsexportpolitik. „Am Reden vom Frieden fehlt es nicht. Am Handeln manchmal schon“, sagte er nach EKD-Angaben. Noch immer sei Deutschland der viertgrößte Waffenexporteur der Welt.

Bester Kunde der deutschen Rüstungsindustrie war 2018 – nach einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Omid Nouripour – wie im vergangenen Jahr Algerien mit Geschäften im Umfang von 802 Millionen Euro. Dahinter liegen die USA (506 Millionen Euro), Australien (432 Millionen Euro) und auf Platz vier Saudi-Arabien, für das trotz Beteiligung am Jemen-Krieg Exportgenehmigungen im Wert von 416 Millionen Euro erteilt wurden.

Erst im Zuge der Affäre um die Tötung des regierungskritischen Journalisten Dschamal Kaschoggi im saudischen Generalkonsulat in Istanbul wurde im November ein kompletter Exportstopp für das Königreich verhängt. Eigentlich hatte die Bundesregierung schon im März im Koalitionsvertrag beschlossen, keine Rüstungsgüter mehr an Länder zu liefern, die „unmittelbar“ am Jemen-Krieg beteiligt sind. Saudi-Arabien führt eine Kriegsallianz von neun Ländern an, die im Jemen gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen kämpft.

Für bereits erteilte Vorgenehmigungen wurde zunächst aber eine Ausnahme gemacht. Wegen der Kaschoggi-Affäre wurde sie für Saudi-Arabien wieder zurückgezogen. Damit kann beispielsweise die Lürssen Werft in Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern zwei fertige Patrouillenboote nicht ausliefern, die Produktion von 18 weiteren bestellten Booten ist gefährdet.

Das will die Industrie nicht auf sich sitzen lassen. „Natürlich sind in diesem Zusammenhang auch Schadenersatzforderungen denkbar“, sagte BDSV-Hauptgeschäftsführer Atzpodien. Er forderte die Regierung auf, klarzustellen, wie es weitergehen soll. „Die Rüstungsunternehmen brauchen im Rahmen bereits erteilter Genehmigungen dringend diesen Vertrauensschutz, da ansonsten rein politische Themen auf ihrem Rücken ausgetragen würden.“ Atzpodien sagte, durch die „deutschen Sonderwege“ für einzelne Länder oder Ländergruppen würden auch europäische Projekte „verkompliziert oder sogar ganz verhindert“. Deutschland hat deutlich restriktivere Exportrichtlinien als die großen europäischen Bündnispartner. Dies führt immer wieder zu Problemen bei Gemeinschaftsprojekten. Als weiteren Grund für den Rückgang der Exporte nannte der Rüstungslobbyist die Hängepartie bei der Regierungsbildung, die zu einem Genehmigungsstau führte. Zudem seien einige Großvorhaben ausgelaufen. Michael Fischer, dpa

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