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Vox-Sendung

20.11.2018

"Höhle der Löwen": Halten Produkte und Investoren, was sie versprechen?

Fans der Sendung „Höhle der Löwen“ können in einem Kölner Pop-Up-Store die Produkte aus der Sendung kaufen.
Bild: Carolin Seidel, dpa

Seit Jahren ist "Die Höhle der Löwen" ein Publikumshit. Doch es gibt auch Kritik: Ist die Serie eine einzige Dauerwerbesendung? Und entspricht sie der Realität?

Dienstag, 20.15 Uhr: Fast drei Millionen Menschen schauen im Moment die „Höhle der Löwen“. Sie erwarten: Auf der einen Seite ambitionierte Gründer, die ihre teils sensationellen teils sonderbaren Erfindungen vor Investoren präsentieren. Auf der anderen Seite die „Löwen“ wie Carsten Maschmeyer und Frank Thelen, die diese Ideen kommentieren – manchmal begeistert, manchmal beißend. Wer hätte gedacht, dass Wirtschaft so spannend sein kann!

Mittwoch, 9.30 Uhr: ein Tag nach der Ausstrahlung. In Geschäften wie Rewe oder Edeka stehen in den Regalen die Produkte der Start-ups. Am Abend zuvor kämpften die Gründer bei der „Höhle der Löwen“ noch um einen Deal – heute können Kunden bereits die originellen Gewürzmischungen, innovativen Kleiderbügel und Wunder-Zahncremes im Supermarkt um die Ecke einkaufen. Ausgezeichnet mit dem Löwen-Logo: „Bekannt aus der Vox Gründer-Show“.

Ganz verwunderlich ist das nicht: Vom Dreh einer Folge bis zu dem Zeitpunkt der Ausstrahlung auf Vox vergehen meist mehrere Wochen oder Monate. Das Start-up hat genügend Zeit, um seine Waren in einer großen Anzahl zu produzieren, damit sie am Tag nach der Sendung verkaufsfrisch in den Regalen stehen. „Das ist alles genau getimt, damit die Produkte mittwochmorgens in den Supermärkten und Discountern greifbar sind“, sagt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Aus seiner Sicht ist es offensichtlich, dass die „Höhle der Löwen“ eine Art Homeshopping ist. Doch anders als bei QVC oder HSE24 stehe nicht „Dauerwerbesendung“ darüber. „Das wäre für den Verkauf der ,Höhle der Löwen’-Produkte nicht attraktiv“, sagt Tryba.

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"Die Höhle der Löwen": Displayschutz hielt nicht das, was er versprach

Für den Verbraucherschützer ist das problematisch, da Käufer seiner Meinung nach möglicherweise getäuscht werden. Was die Fernsehzuschauer sehen, beschreibt Tryba als eine „besondere Verkaufssituation“. Die Start-ups präsentieren sich in einem guten Licht. Und wenn zusätzlich bekannte Investoren wie Carsten Maschmeyer, Ralf Dümmel oder Frank Thelen von den Produkten begeistert sind, wirkt das auf die Zuschauer wie eine Kaufempfehlung. Der Verbraucherschützer warnt: „Es muss den Konsumenten klar sein: Man weiß wenig über die Qualität des Produkts.“ Denn ob die Ware ihr Versprechen hält, das stellt sich erst nach dem Kauf heraus.

So wie bei dem Display-Schutz „ProtectPax“. Vollmundig versprachen die Gründer in der „Höhle der Löwen“, dass mit dem „flüssigen Glas“ das Handy sogar gegen Hammerschläge gewappnet sei. Das testeten prompt nicht nur ein paar gutgläubige Kunden, die das Produkt bei Aldi Süd kauften, sondern auch die RTL-Sendung Stern TV. Das Ergebnis: Handy kaputt, Displayfolie wirkungslos. Danach mussten die Erfinder zurückrudern. Eine einstweilige Verfügung folgte: Aus dem Displayschutz wurde eine Displaybeschichtung.

Dass es auch gute „Höhle der Löwen“-Produkte gibt, die das halten, was sie versprechen, will Verbraucherschützer Tryba nicht abstreiten. Doch es beinhalte immer ein gewisses Risiko, die Produkte zu kaufen. Oft handelt es sich um hochpreisige Waren – deren Wert schnell sinkt, wenn sie nicht an den Mann oder die Frau kommen. So wie mit der Einbruchsicherung „Fensterschnapper“. Der Preis für das Dreier-Set betrug zunächst 119,99 Euro – „unverbindliche Preisempfehlung“. Heute kostet die Fenstersicherung auf Amazon 15,49 Euro.

Prüfung des Start-ups findet erst nach dem Deal in der "Höhle der Löwen" statt

Olaf Jacobi stört sich weniger an der Verkaufsstrategie, sondern vielmehr an der Realitätsferne der Gründer-Sendung. Jacobi weiß, von was er spricht. Er ist selber Investor. Um genau zu sein: Venture Capital Investor, ein Risikokapital-Geber. Auch Jacobi schaut und bewertet jährlich einige Pitches. Rund 2000 sogenannter „Pitch Decks“ laufen jährlich bei Olaf Jacobi und dem Fonds „Capnamic Ventures“, für den er arbeitet, ein.

„Pitch Decks“ sind meist Power-Point-Präsentationen, in denen Start-ups ihr Unternehmen vorstellen und beschreiben wie der Markt aussieht. „Von den circa 2000 Start-ups, die ein Pitch Deck einsenden, treffen wir mit rund 200 bis 250“, sagt Jacobi. „Das ist eher ein lockeres Zusammenkommen und kein Tribunal.“ Gründer wie Investoren begegnen sich auf Augenhöhe.

Sätze wie von Vural Öger aus der zweiten Staffel von „Höhle der Löwen“ („Das ganze Konzept ist einfach lächerlich“), würden Jacobi nicht über die Lippen kommen. „Ein respektloses Feedback ist ein absolutes No-Go. Es käme kein Start-up mehr zu uns“, sagt er. Zudem seien die Pitches im wahren Leben weit weniger spektakulär als in der Vox-Sendung: keine Kulisse, kein Show-Kochen „und bei uns wird kein Pitch gesungen“, versichert Jacobi.

Deal oder kein Deal? Das entscheiden die „Löwen“ bereits während der Sendung. Zumindest wird das den Zuschauern vermittelt. Doch einer mündlichen Zusage der Investoren vor der Kamera folgt nicht immer eine tatsächliche Kooperation. Diese Erfahrung machte auch das Königsbrunner Möbel-Start-up „Pazls“. Während der Sendung waren die Investoren Dagmar Wöhrl und Frank Thelen begeistert. Beide boten den Gründern 400.000 Euro für 25 Prozent der Firmenanteile an.

Doch zu dem Deal kam es gar nicht. Denn erst nach der Ausstrahlung unterziehen die „Löwen“ die Start-ups einer Risikoprüfung und begutachten, ob es beispielsweise Patentverletzungen gibt.

Investor sieht "Die Höhle der Löwen" als realitätsfern

Es sei unmöglich, dass ein Deal von jetzt auf gleich zustande kommt, ist Jacobi überzeugt. Bevor Investor und Start-up kooperieren, findet die sogenannten „Due-Diligence-Prüfung“ statt. Dabei handelt es sich um eine genaue Analyse des Unternehmens und des Marktes. Die genaue Prüfung sei wichtig, weil Jacobi mit „Venture Capital“ oft zehn Jahre oder länger in das Start-up investiert. Für ihn sind die Geldbeträge, die die „Löwen“ für Deals in die Hand nehmen, Sümmchen.

Für eine Beteiligung zwischen zehn bis 25 Prozent vom Unternehmen, bietet der Jacobi während der gesamten Kooperation zwischen sechs und zehn Millionen Euro an. „Wir investieren nicht kurzfristig oder spontan in Dinge, die lustig oder spannend sind“, sagt der Investor. „Sondern in Unternehmen, die groß werden können.“

Obwohl die Sendung aus Jacobis Sicht weit weg ist von der Realität, kann er der „Höhle der Löwen“ etwas Positives abgewinnen: „Es ist gut, wenn Zuschauer inspiriert werden, eventuell eigene Ideen umzusetzen und Unternehmer werden.“

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