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Aichach-Friedberg

19.12.2014

Flüchtlinge wollen sich nützlich machen

Asylhelferin Luise Katzenschwanz aus Hollenbach unterstützt Flüchtling Sevon Tekeste aus Eritrea.
Bild: Florian Rußler

530 Asylbewerber leben derzeit im Wittelsbacher Land. Weil sie nicht arbeiten dürfen, kommt es zu Problemen. Welche Lösungen die Helfer dagegen haben

Aichach-Friedberg Zeron Tekeste hat sich das Leben in Deutschland anders vorgestellt. Irgendwie leichter, wie er sagt. Anfang des Jahres verließ er seine Heimat in Eritrea aus Angst vor der Militärdiktatur. Er ließ Ehefrau und Tochter zurück, in der Hoffnung in Deutschland etwas aufzubauen. Doch diese ist nach wenigen Monaten verpufft: „Ich habe gedacht, ich komme hierher und finde sofort eine Arbeit.“

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Seit Mai lebt der 26-Jährige in einer Asylunterkunft in Hollenbach. Von einer Arbeitsstelle ist er weit entfernt Am liebsten würde Tekeste als Schreiner arbeiten. Derzeit dürfte er aber nur einen Job ausüben, den kein Deutscher machen will. Diese Vorrangprüfung entfällt erst nach 15 Monaten. So lange muss er sich gedulden. Um sich den beruflichen Einstieg zu erleichtern, lernt er Montag bis Donnerstag jeweils eineinhalb Stunden Deutsch. Eine ehemalige Lehrerin bietet in Hollenbach Deutschkurse an. Ansonsten langweilt sich Tekeste oft, gibt er zu. Meist sitzt er in seinem 20-Quadratmeter-Zimmer und liest. Der Eritreer bedauert das. Lieber würde er sich nützlich machen.

„Die Langeweile ist das größte Problem der Asylbewerber“, erklärt Luise Katzenschwanz. Sie ist eine von vier ehrenamtlichen Helfern, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Ohne Beschäftigung neigen einige dazu, durchzudrehen, erzählt Katzenschwanz. So wie kürzlich ein 21-jähriger Nigerianer. Er stiftete in der Unterkunft Unruhe, schlug sogar auf andere Flüchtlinge ein. Deshalb wurde er von Hollenbach nach Ingolstadt umverteilt. Diese Information bestätigte das Landratsamt.

Flüchtlinge wollen sich nützlich machen

„Dieser Vorfall war aber eine Ausnahme“, betont Katzenschwanz. Ansonsten gehen die 23 Männer aus Nigeria, Syrien und Eritrea größtenteils friedlich miteinander um. Die Hollenbacherin muss es wissen. Pro Tag verbringt sie mindestens drei Stunden mit den Flüchtlingen. Sie fährt mit ihnen zum Einkaufen, geht mit ihnen zum Arzt oder organisiert Behördengänge. Gegen Langeweile helfe das aber nur vorübergehend.

Dagegen würden laut Andreas Reimann von der Caritas Aichach-Friedberg schon ganz einfache Mittel wie ein Fernseher helfen: „Zusammen mit einem Receiver, mit dem die Flüchtlinge Sender aus ihrer Heimat empfangen können, ist er goldwert.“ Reimann ist Geschäftsführer der Hilfsorganisation. Fernseher gehören nach seinen Angaben zwar nicht zur Grundausstattung der Unterkunft. Die Situation der Flüchtlinge würde das Gerät aber verbessern, sagt Reimann und erklärt auch warum: „Es handelt sich hier um traumatisierte Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie leben oft irgendwo auf dem Land, sprechen nicht unsere Sprache und kennen niemanden.“

Den Flüchtlingen das Leben zu erleichtern, versuchen Reimanns Mitarbeiter. Insgesamt sind drei hauptamtliche Caritas-Helfer für aktuell 530 Flüchtlinge im Landkreis zuständig. Eine davon ist Franca Bögl. Sie ist für die Unterkünfte im nördlichen Landkreis zuständig. In ihren Aufgabenbereich fallen etwa 170 Asylbewerber. Sie sieht sich als Mittler zwischen Landratsamt und Asylhelfer: „Wir sind nur die Feuerwehr, wenn die Helfer vor Ort Unterstützung brauchen.“ Manchmal bestehe diese allein daraus, sie in ihrem Übereifer zu bremsen. „Probleme muss man manchmal auch aussitzen“, sagt sie. In der Regel funktioniere die Zusammenarbeit mit den Asylhelfern klappt aber gut, so Bögl.

Das sieht auch ihr Vorgesetzter Andreas Reimann so. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „So gut wie hier funktioniert es in keinem anderen Landkreis.“ Er sieht allerdings ein anderes Problem auf die Region zukommen: „Die knappe Wohnungssituation wird uns noch Sorgen bereiten.“ Momentan gäbe es im Landkreis zwar ausreichend Unterkünfte, in Zukunft könne das laut Reimann nicht mehr gewährleistet werden.

Tekeste ist mit seinem Zimmer in Hollenbach zufrieden. Auch wenn die Einrichtung mit Bett, Tisch und zwei Stühlen spartanisch ist. Um sich heimscher zu fühlen, hat er die Wände mit Bildern von Jesus dekoriert und den Boden mit Teppich ausgelegt. Jetzt hofft er, dass sein Asylantrag bald durchgeht. Dann kann er sich endlich eine Arbeit und eine eigene Wohnung suchen.

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