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Kabarett

24.10.2017

Licht an – Licht aus: die Schöpfung bleibt missraten

Mit seinem Solo-Programm „Der siebte Tag - ein Erschöpfungsbericht“ gastierte Kabarettist Sigi Zimmerschied in Aichach.
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Mit seinem Solo-Programm „Der siebte Tag - ein Erschöpfungsbericht“ gastierte Kabarettist Sigi Zimmerschied in Aichach.
Bild: Vicky Jeanty

Sigi Zimmerschied nimmt sich in Aichach die Schöpfungsgeschichte vor und deckt dabei ungeahnte Machenschaften auf.

So ein Chef muss ein Graus für die Untergebenen sein: ständig nörgelnd, fordernd, aufbrausend, grantig, unzufrieden, zynisch, launisch, humorlos, unberechenbar. Ein Menschenfeind mit einem ausgewachsenen Alkoholproblem. Pikant wird das Ganze, wenn sich solche charakterlichen Unarten in Gottvater höchstpersönlich, dem Schöpfer von Himmel und Erde, konzentrieren. Der ist nun mal allmächtig und leider Gottes auch unsterblich. Er hat, wie es in der Bibel steht, in sechs Tagen ein komplettes Universum geschaffen.

Doch statt am siebten Tag zu ruhen, schaut er sich sein Werk an, erschrickt, wird „kaasweiß“, und will „ois zamhaun“. Berti, sein kosmischer Assisstent, sieht das in Milliarden Jahren geschaffene komplexe Werk, an dem er maßgeblich beteiligt war, akut gefährdet. Mit einem Deal könnte der Gau verhindert werden: Wenn er, der Berti, Gottvater einmal im Jahr zum Lachen bringt, verzichtet dieser auf die komplette Zerstörung. Es läuft der Countdown: Zwei Stunden bleiben dem trickreichen Tausendsassa, um seine menschenrettende Mission über die Bühne zu bringen.

Zwei Stunden braucht auch der wortgewaltige Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied, 63, um einem anfangs leicht irritierten Aichacher Publikum im Pfarrzentrum seine sehr persönliche Version der Schöpfungsgeschichte zu vermitteln. Eine furiose, auf den Kopf gestellte Genesis, in der Zimmerschied, alias Berti, alias Gott, bis zur Erschöpfung im schöpferischen Schlamassel herumwühlt.

Für den Kabarettisten, der Religionspädagogik studiert hat, ist die Thematik ein schier unerschöpflicher Quell für aberwitzige, bildgewaltige Exkurse, die geradezu aus ihm herausbrechen. Zumal Zimmerschied mit vollem Körpereinsatz agiert, seine Mimik sämtliche Gesichtszüge beschäftigt, seine Tonlage und sein Tonfall in grandiose Höhen und furiose Tiefen gehen. Ein Meister der Satire, dessen Pointen ins schwarze Herz des göttlichen Alls und ins rabenschwarze Herz der menschlichen Spezies zielen.

Folgt man Bertis Version der Schöpfung, muss umgedacht werden. In einer Art Rahmenhandlung lässt Solist Zimmerschied-Berti die Schöpfungshosen runter: nicht Er, keift Berti, indem er singend das kirchliche Sanctus zermalmt, habe die Welt erschaffen, sondern er. Er, der Berti, schuf die Erde, als der Chef im Schwebezustand den Wunsch nach einer Sitzgelegenheit äußerte. Er schuf die Meere, auf dass der Meister seine wehen Füße kühlen könne. Er wies in Richtung Lichtschalter rechts neben dem Uranus, als auf die Ansage „Es werde Licht“ des Chefs alles im Dunkeln blieb. Das alles wird mal lässig, mal lästerlich, mal böse und sehr oft sehr humorvoll abgehandelt.

En passant wird das Publikum angegangen, werden wissenschaftliche und philosophische Themen fix erklärt, politische Weltbilder und sonstige Irrationalitäten bloßgestellt. Populationen, die nach all dem, was sie durchgemacht haben, einen Trump, Erdogan, Assad, Orban hervorbringen, könne man kreuzweise, sagt er. Einmal drin in seinem Element, bahnt sich Zimmerschied seinen Weg in die Geschichtsschreibung und schafft sich sein privates Waterloo. Oder plaudert aus dem himmlischen Hinterstübchen, wo der Johann Wolfgang und der Sokrates, der Helmut Schmid und der Reich-Ranicki schreiben, schweigen, rauchen oder belehren.

„Allmacht und Primitivität liegen nah beieinander“ – mit dieser Lebensweisheit von Berti erfolgt der Schwenk in die ausufernde Illustration der völligen göttlichen Inkompetenz in Sachen Schöpfung. Zimmerschied schlüpft, wenn auch nur stimmlich, in Gott höchstpersönlich und offenbart, aus Bertis Sicht, dass die All- und Menschwerdung im beidseitigen Vollrausch zustande kam. Schlimmer noch: Der Chef sei ein Menschenverachter und fanatischer Gläubiger-Hasser, der immer dann hämisch lache, wenn sich möglichst viele Erdenbewohner das Genick brechen.

In Aichach erlebten knapp 200 Gäste einen schöpferisch entfesselten Kabarettisten, dessen göttliche Generalabrechnung nicht jedermanns Sache war. Ein paar Zuhörer verließen vorzeitig das Aichacher Pfarrzentrum.

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