1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Wo einst mit Windkraft gehobelt wurde

Aindling-Stotzard

13.08.2017

Wo einst mit Windkraft gehobelt wurde

DSC00572.JPG
2 Bilder
Und ab geht´s mit dem abgeernteten Buschbohnenkraut zum Kompost. Oma Charlotte wird aber weder Schubkarre noch Enkel Silas dort lassen.
Bild: Martin Golling

Im Aindlinger Ortsteil Stotzard gibt es noch Milchkühe, glückliche Hühner und viele Rauchschwalben. Und eine Mesnerin, die sich über „die grüne Zeit“ freut.

Früher war Stotzard vor allem landwirtschaftlich geprägt. Heute konzentrieren sich die Betriebe vor allem um die Straße „Zur Pollau“ im Norden des Aindlinger Ortsteils. Wobei nur mehr der „Liastern“ (Lichtenstern) Milchkühe im neuen Stall hat. So um die 70 seien es derzeit, die der Roboter täglich zu melken habe, sagt Hermann Wörle, Seniorchef von Roboter und Kuh. Schrill singt das Getreidegebläse hinter dem schräg gestellten Anhänger und der Staub auf Wörles Schulter lässt kaum mehr die Farben seines T-Shirts erahnen. Verständlich, dass der Milchbauer beteuert, dass er im Moment keine Zeit habe für eine Führung zum Robo-Melker.

Bei seinem Nachbarn geht es derzeit beschaulicher zu. Joachim Brandmeir ist der „Bojer“, ein Austragsbauer. Längst stehen Bullen im Stall statt so manche Mühe machender Kühe. Und noch etwas gedeiht offensichtlich prächtig über den Boxen: Rauchschwalben. „Sieben Nester haben wir heuer und in allen kam es zwei Mal erfolgreich zur Brut. Heute früh saßen 50 Schwalben auf der Wasserleitung, als ich in den Stall kam“, erzählt der Bojer begeistert. Nur aus zwei Nestern recken sich noch die gelb geränderten Schnäbel den anfliegenden, fütternden Eltern entgegen.

Froh über die Rauchschwalben

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Joachim Brandmeir und seine Frau Anneliese reagieren mit Kopfschütteln auf Überlegungen, die fliegenden Insektenvertilger aus den Ställen zu verbannen: „Wir sind doch froh, dass wir sie haben, und für unser Vieh garantieren die Schwalben die giftfreie Reduzierung der Plagegeister“, sagt Anneliese Brandmeir, während die Luftakrobaten flink an den Köpfen von Mensch und Tier vorbeischwirren.

Draußen haben die Enkelinnen Marie und Nina ihre Hasen Willi und Mimi aus dem Freigehege geholt. Die Tiere genießen die Streicheleinheiten der Mädchenhände, nur der Hund Benni gibt sich ein wenig eifersüchtig. Joachim Brandmeir wird heute noch das Fahrrad von Marie reparieren, denn am Wochenende muss sie damit Zeitungen ausfahren.

Vom Weg „Zur Pollau“ geht es links ab „Im Tal“; von dort zweigt der Windmühlweg ab, eine Sackgasse. Dort, wo der Weg beim „Wanger“ im Hof endet, wohnt Josef Golling mit seiner Familie. Er hat die ehemalige Wagnerei zeitlebens erfolgreich als Schreinerei genutzt. Ein altes Foto belegt, dass sein Großvater auf dem erhöhten Gelände neben dem Hof ein Windrad aufgestellt hatte, um damit Bandsäge und Hobelmaschine zu betreiben.

Josef Golling erzählt: „Die Schreinereien aus dem Umfeld ließen vor der Elektrifizierung bei meinem Opa die Bretter hobeln – mit Windkraft.“ Von der alten Transmission, welche die Kraft des Windes über Gelenke direkt in die Werkstatt leitete, liegt immer noch ein fünf Meter langes Stück aus Volleisen hinter dem Holzstadel. Das Windrad wurde mit der Elektrifizierung Stotzards in den 1920er-Jahren nicht mehr gebraucht und abgebaut.

Für treue Kunden lässt er die Maschinen noch mal anlaufen

Zwar lässt der Schreinermeister für treue Kundschaft noch manchmal seine Maschinen anlaufen, doch viel lieber kümmern sich Josef Golling und seine Frau Charlotte um die Enkelkinder. Der fast zweijährige Silas hält seine Oma schwer auf Trab, will überall mitarbeiten. „Ich bin dann halt viel langsamer, aber es macht mehr Spaß“, sagt Charlotte Golling, bevor sie Silas in die Schubkarre auf das gerade abgeerntete Buschbohnenkraut setzt.

Joachim, der Sohn von Charlotte und Josef Golling, hat für sein gutes Dutzend Hühner ein Freigehege gebaut. Wohl dem, der in der Gift-Eier-Zeit glückliche Hühner vor seinem Haus picken sieht.

Auf dem Weg vom Windmühlweg zum Kirchberg durchquert man das Anwesen vom „Lenzwaschl“. Hier wohnt die Mesnerin Agnes Benkart. In der Kirche gebe es in der „grünen Zeit“, wenn Pfarrer und Ministranten grünes Gewand tragen, weniger Arbeit, entgegnet sie auf die entsprechende Frage. Doch eine Mesnerin hat immer Arbeit. Gerade habe sie ihre Waschmaschine gefüllt mit Kochwäsche. „Es sind Altartücher“, sagt sie und nickt mit kritischer Miene: „Die eigentliche Arbeit beginnt nach der Wäsche, wenn ich die Wachsflecken rauskriegen muss.“ Ihr Garten ist ein Blütenmeer – auf der einen Seite der Zufahrt. Auf der anderen haben Wühlmäuse die Blumen buchstäblich nach unten gezogen. Auch die Nager gehören wohl, zumindest heuer, zum Sommer in Stotzard.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
_WYKIGA_043.jpg
Baar

Keine Lösung bei der Kinderbetreuung in Baar in Sicht

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen