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Welden-Reutern

07.11.2019

30 Jahre Mauerfall: „Republikflucht war schlimmer als Mord“

Autor Detlef Hellmuth kommt heute zu einer Lesung in den Markttreff Welden. 
Foto: Andreas Lode (Archiv)

Weil er aus der DDR fliehen wollte, saß der Weldener Auto Detlef Hellmuth 18 Monate lang in Haft. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen im DDR-Regime. 

Detlef Hellmuth ist in Berlin-Weißensee aufgewachsen. Als er die DDR verlassen wollte, landete er im Gefängnis. 1984 wurden er und seine Frau von der BRD freigekauft. Unter anderem über die Zeit im Unrechtsstaat DDR und seine Erlebnisse im Stasi-Gefängnis hat er ein Buch geschrieben. Im Interview blickt er noch einmal zurück auf diese Zeit und spricht über den Wandel im Osten.

Der Fall der Mauer ist nun 30 Jahre her. Sicher können Sie sich noch gut an diesen bewegenden Tag erinnern.

Detlef Hellmuth: Natürlich. Meine Frau und ich waren gerade in Kalifornien zu Besuch bei deutschen Freunden. Wir waren spazieren. Plötzlich lief auf den großen Fernsehbildschirmen dort überall die Nachricht. Ich konnte kaum glauben, dass die Mauer tatsächlich gefallen sein sollte. Ich hatte gemischte Gefühle. Die Angst war groß, dass die DDR die Mauer wieder schließen würde. Ich habe in diesem Land so unglaublich Schlimmes erlebt, dass ich nicht vertrauen konnte.

Mit 23 Jahren wollten Sie aus der DDR fliehen. Was trieb Sie an?

Hellmuth: Ich habe damals in Ost-Berlin etwa 50 Meter neben der Grenze gearbeitet. Da gab es ständig Zusammenstöße und Stress. Wir wurden bespitzelt und überwacht. Irgendwann konnte ich diesem Druck nicht mehr standhalten. Ich habe mich eingeengt gefühlt, es war unerträglich. Das können Sie sich heute kaum mehr vorstellen. Irgendwann war das Fass voll.

Wie lief der Fluchtversuch ab?

Hellmuth: Ich habe mir über lange Wege ein Schlauchboot besorgt, das war nicht einfach in der DDR. Damit wollte ich über die Ostsee in Richtung Dänemark. Zuvor habe ich das Boot mit schwarzer Farbe bemalt. An einem Februartag, an dem es besonders dunkel war, habe ich das Schlauchboot in meinen Trabant gepackt und bin an die Ostsee gefahren.

Doch Sie kamen nicht weit.

Hellmuth: Nein. Als ich mit dem Auto auf den Parkplatz gefahren bin, standen da plötzlich etwa zehn Polizisten um mich herum. Es war sehr kalt an diesem Tag. Ich musste mich etwa eine halbe Stunde lang mit gespreizten Beinen in den Schnee legen. Die Polizisten haben mich getreten und auf mich eingeprügelt. Dann haben sie mich mitgenommen. 18 Monate lang saß ich in Haft.

Dort wurden Sie gefoltert, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Wie haben Sie diese Zeit überstanden?

Hellmuth: Es war fürchterlich. Sobald Sie in der DDR verhaftet wurden, waren Sie kein Mensch mehr. Republikflucht war schlimmer als Mord. Ich war eingesperrt mit den schlimmsten Verbrechern: Mördern, Totschlägern, Vergewaltigern. In Berlin saß ich in einer dunklen Zelle mit Glasbausteinen. Tagsüber war es darin bitterkalt. Nachts wurde unerträglich eingeheizt, sodass ich kaum Luft bekommen habe. Man hat mit Schlagstöcken auf mich eingeschlagen. Kurzum: Sie haben versucht, mich zu brechen.

Dennoch haben Sie Ihrem Mut nicht verloren. Auch nach Ihrer Haftstrafe haben Sie rebelliert.

Hellmuth: Ich bin in der DDR ständig angeeckt. Zum Beispiel bin ich mit einem Jogginganzug herumgelaufen, auf den ich die bundesdeutsche Flagge genäht hatte. Man hatte mir meinen Personalausweis weggenommen, stattdessen bekam ich einen sogenannten PM12, eine Pappkarte. Sobald man die vorwies, hatte man sowieso unrecht.

Wie sind Sie schließlich in den Westen gekommen?

Hellmuth: Eines Tages bin ich in die Ständige Vertretung der BRD in Berlin gerannt. Dort konnte man nicht einfach hineinspazieren. Dort habe ich um Hilfe gebeten. Außerdem habe ich immer wieder Ausreiseanträge gestellt. Nach etwa fünf Jahren wurden ich und meine Frau Gabi von der BRD freigekauft. Wir machten uns sofort auf den Weg zu unserer Verwandtschaft in Bayern. Das war die beste Entscheidung in meinem Leben.

Wieso?

Hellmuth: Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und bekamen von der Bevölkerung und vom Staat Unterstützung. Ich konnte meinen Meister machen, ein Fachlehrerstudium und später an der Augsburger Berufsschule unterrichten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Inzwischen gibt es den Staat, aus dem Sie fliehen wollten, seit knapp 30 Jahren nicht mehr. Was hat sich seither getan?

Hellmuth: Ich bin mehrmals im Jahr in Berlin. Und ich sehe: Die Stadt ist viel sauberer geworden. Es gibt keine riesigen Schornsteine mehr. Keine Zwei-Takt-Motoren, die die Straßen verqualmen. Überall der schwarze Ruß. Zu DDR-Zeiten sah es hier aus wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Das vergessen die Leute leider zu oft.

Noch immer sehnen sich manche Menschen nach dieser Zeit zurück. Zuletzt wurde im Wahlkampf in Thüringen mit dem Slogan „Wende 2.0“ Wahlkampf gemacht. Sehen Sie das mit Sorge?

Hellmuth: Ja. Ich denke zwar, dass wir diese Partei in einer Demokratie aushalten müssen, aber ich bin mit einigem nicht einverstanden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder zu Zuständen zurückkehren, die wir schon einmal hatten. Einige Politiker versuchen den Unmut vieler Menschen auszunutzen. Tatsächlich tragen sie aber nicht dazu bei, dass sich die Umstände verbessern. Noch immer gibt es Unterschiede zwischen West und Ost.

Was müsste passieren, damit sich das ändert?

Hellmuth: Einerseits müssen die Infrastrukturen in der ehemaligen DDR besser ausgebaut werden, zum Beispiel in Brandenburg. Anderseits dürfen wir aber auch nicht immer nur nach dem Staat rufen. Auch die Menschen im Osten müssen sich verändern, umdenken, vielleicht ihre Haltung überprüfen und erkennen, dass viel Unrecht geschehen ist. Jeder Einzelne kann seinen Teil beitragen.

Lesung in im Markttreff Welden

Detlef Hellmut liest am Donnerstag, 7. November, um 19 Uhr im Markttreff Welden. Der Autor will damit auch an die vielen Mauertoten und Opfer der DDR erinnern.

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