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Kutzenhausen-Agawang

14.11.2014

„Hurra, ein Flüchtling!“

In einem Viehwaggon ging es auf die 800 Kilometer lange Reise
Bild: Annemarie Wiedemann

Beim Hoigarta schildert Traudi Schmid ihre bewegende Lebensgeschichte. Von Krieg, Vertreibung und einem Neuanfang. Aber der war sehr schwer in Agawang

„Vertreibung und neue Heimat“ – zu diesem aktuellen Thema erzählte Edeltraud Schmid ihre Geschichte bei einem Hoigarta des Heimatgeschichtlichen Vereins Agawang (HGV) im Vereinsheim Agawang. Damit sollte, so Vorsitzender Gerhard Fritsch, auch ein Spannungsbogen zu aktuellen Nachrichten von Flucht und Vertreibung und zu den geschichtsträchtigen Tagen um das „Jubiläum des Mauerfalls als Gegenteil“ hergestellt werden. Sebastian Kriener hatte beim Hoigarta dazu ausgewählte Fotos und Dokumente aufbereitet.

Traudi Schmid hat ihre Erlebnisse ab 1945 aufgeschrieben. So entstand das Büchlein „Reise in die Vergangenheit“ als Familiengeschichte für ihre Kinder und Enkel. Sie berichtet detailliert, wie sie das Kriegsende, die Vertreibung aus dem Landkreis Freudenthal im Sudetenland, Bezirk Troppau im Altvatergebirge, und die Ankunft in Agawang als neue Heimat erlebte. Heute lebt sie mit Ehemann Hermann, einem pensionierten Lehrer, in Dinkelscherben.

Im damals 600 Einwohner zählenden Bauerndorf der Kindheit war, obwohl der Vater 1943 Soldat wurde, der Krieg weit weg. 1944 wurde Traudi eingeschult und 1945 kam die Front mit dem Volkssturm alter Männer, durchziehenden Soldaten und der Besetzung durch die Russen. Obwohl sich polnische Fremdarbeiter für eine anständige Behandlung durch die Bauersleute verbürgten und der gut tschechisch sprechende Bürgermeister sich mit aller Kraft einsetzte, wurde es für die deutsche Bevölkerung schwierig. Mit dem Verstecken war die Angst von Mutter und Tanten vor Vergewaltigung auch ohne Worte zu spüren. Dann mussten die Deutschen ihre Wohnungen und Anwesen der tschechischen Bevölkerung überlassen, aber bis zur Vertreibung weiter mit ihrer Arbeitskraft bewirtschaften.

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Da ihre Familie am 14. Oktober 1946 als eine der letzten ins Lager nach Freudenthal musste, hatte die Mutter Zeit, die erlaubten 50 Kilogramm Gepäck gut vorzubereiten und Erinnerungen zu retten. In einem Viehwaggon ging es auf die 800 Kilometer lange Reise.

In Furth im Wald wurden sie mit DDT entlaust und kamen ins Sammellager an der Friedberger Straße in Augsburg. Am 6. November ging es mit insgesamt 20 Personen nach Agawang, die Bürgermeister Leitenmaier auf die Häuser verteilte. Traudi und ihre Mutter brachte er zu Lehrer Gruber ins Schulhaus. „Der tobte und wollte uns nicht nehmen“, musste ihnen aber dann doch das Zimmer seines Sohnes überlassen, der im Krieg gefallenen war. Gut erinnert sie sich noch an die Schultauglichkeitsprüfung und den ersten Schultag. Obwohl alle deutsch sprachen und der Unterricht einigermaßen verständlich war, konnte sie Mitschüler und Dorfbewohner anfangs schlecht verstehen. 1947 kam ihr Vater, den sie damals nicht mehr erkannte, aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft aus Belgien zurück. Die Familie zog in zwei Zimmer mit je zehn Quadratmetern für je fünf Reichsmark Miete ins Mesnerhaus, die ehemalige Schule. Ein Raum diente zum Kochen und Schlafen, der andere dem Friseurhandwerk. Als „Herrenfriseur mit Leib und Seele“, bald „Haarzwicker“ in Abwandlung von Hadwiger genannt, besuchte der Vater mit dem Fahrrad umliegende Orte, wie immer sonntags Rommelsried.

Sehr anschaulich schildert die Autorin den Schulalltag mit Schulspeisung, körperlicher Züchtigung, Masern- und Tuberkuloseimpfungen und das Beerenpflücken für die Lehrkräfte August Gruber, Anton Lang, Maria Sedlak und Karl Vogel. Organisationstalent war vor der Währungsreform 1948 noch nötig, um das Nötigste für die Erstkommunion zu besorgen. Gut in Erinnerung ist ihr ein bis heute Unbekannter, der das Mittagessen für „alle Agawanger“ nach der Firmung im Gasthaus in Oberhausen spendete.

2010 besuchte Traudi Schmid erstmals ihren Geburtsort mit Kirche, Schule und ehemaligem Wohnhaus im heutigen Tschechien. Auf dem Friedhof gibt es inzwischen eine Gedenktafel an die einst deutsche Bevölkerung. Es waren „gut zwei Stunden nachdrückliche Schilderungen, die einen Bogen zum weltweiten Flüchtlingsproblem spannten“, fasste Fritsch zusammen, „die Verständnis für die Lage heutiger Flüchtlinge weckten.“

Auch in Agawang war es damals nicht einfach, die Leute aufzunehmen und Beschimpfungen als „Huraflüchtling“ ertrug man umgedeutet als „Hurra, ein Flüchtling“.

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