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Stadtbergen

05.09.2018

Völkerverständigung in der Stadtberger WG

Ali Aljahmani (links) ist vor drei Jahren aus Syrien geflüchtet. Dem jungen Augenarzt hat Ernst Hehl in seinem Haus eine Wohnung angeboten. <b>Foto: Marcus Merk</b>
Bild: Marcus Merk

  Ernst Hehl aus Stadtbergen vermietet eine Wohnung in seinem Haus an einen 28-jährigen Flüchtling. Und beide profitieren davon.

 

 „Mein Bruder“ sagt Ali Aljahmani warmherzig zu Ernst Hehl aus Stadtbergen – und die Herzlichkeit erwidert Ernst Hehl strahlend. Beide Männer – der junge Syrer, erst 28 Jahre, der alteingesessene Stadtberger immerhin schon 72 – leben seit einiger Zeit in einer Wohngemeinschaft zusammen.

Hehl, der auch in der Flüchtlingshilfe in Stadtbergen aktiv war, hat dem 2015 aus Syrien geflohenen jungen Augenarzt in seiner Doppelhaushälfte eine Wohnung im Dachgeschoss angeboten. Er möchte damit ein Zeichen setzen für Mitbürger, die leer stehenden Wohnraum haben, seinem Beispiel zu folgen: Die Wohnungssuche für Asylbewerber, die bereits ein Bleiberecht haben, gestaltet sich auf dem ohnehin knappen Markt für bezahlbaren Wohnraum äußerst schwierig. Deshalb hat Hehl, der nach der Trennung von seiner Frau seit zwei Jahren in dem großen Doppelhaus alleine lebt, Ja gesagt zu der Lösung. Und den Nutzen haben beide Männer von der Gemeinschaft.

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In der Flüchtlingshilfe Stadtbergen kennengelernt

Kennengelernt hat Hehl, beruflich immer noch als Vertriebsberater aktiv, seinen Mitbewohner bei seinem Engagement in der Flüchtlingshilfe Stadtbergen. Dort hat Ernst Hehl die Fahrradwerkstatt mit ins Leben gerufen, in der Flüchtlinge ein Rad erwerben konnten. Ali Aljahmani, der in der Unterkunft am Schwalbenweg lebte, suchte ein Fahrrad – und eine Wohnung. Ali kochte wenig später in Hehls Küche ein syrisches Essen – und lebt nun seit eineinviertel Jahren in Hehls gut möblierter Dachwohnung mit eigenem Bad. Die Miete zahlt das Bamf.

Vom ersten Tag an hat der neue Mitbewohner den Hausschlüssel bekommen; das Zusammenleben hat sich bewährt, ist Hehl von Ali Aljahmanis Hilfsbereitschaft begeistert. Er pflegt seine Wohnung vorbildlich. „Wenn ich in Urlaub oder unterwegs bin, versorgt Ali Haus und Garten. Wir hatten bis jetzt nie Konflikte!“ Ganz wichtig sei es, Vertrauen zu haben, betont Ernst Hehl – dann sei es auch möglich, zusammenzuwohnen. Ein Mitbewohner sei „eine zwischenmenschliche Ergänzung“, appelliert Hehl an die Aufgeschlossenheit gerade von Menschen, die überflüssig gewordenen Wohnraum haben oder auch einsam seien. „Die Deutschen haben immer Angst, dass Fremde kommen“, stellt er fest. Diese müssten sich natürlich an die „Spielregeln des Grundgesetzes“ halten.

Damit hat der junge Syrer kein Problem. „Wenn wir zusammenhelfen und Vertrauen haben, ist Integration möglich“, ist er überzeugt. Er selbst tut sein Bestes dafür. Den Integrationskurs hat er geschafft, ebenso den Deutschkurs bereits auf B2-Niveau. So spricht er fließend Deutsch. Derzeit macht der Syrer beim BBZ in Augsburg einen Lehrgang, in dem er die medizinische Fachsprache lernt. Denn er, der in Damaskus Medizin studiert und bereits zwei Jahre als Augenarzt gearbeitet hat, will dann hier als Assistenzarzt tätig sein und die Approbation erhalten.

Drei Jahre lang in Deutschland

Seit drei Jahren ist Ali Aljahmani in Deutschland. Er stammt aus der syrischen Kleinstadt Daraa, wo auch noch seine Eltern, vier Brüder und zwei Schwestern leben – jetzt zur Miete, denn das eigene Haus wurde im Krieg zerstört. Ali arbeitete in ländlichen Krankenhäusern und auch in den riesigen Gefängnissen, die das syrische Regime unterhält. Ali hat viele Kriegsverwundete behandelt. Die ständige Gefahr, plötzlich auf der Straße von der Polizei oder bei willkürlichen Kontrollen verhaftet zu werden, haben ihm große Angst gemacht.

Über den Libanon floh der junge Arzt in die Türkei, von Izmir aus mit dem Schlauchboot nach Griechenland, von dort über den Balkan nach Deutschland. Zurücklassen musste er seine Frau Maya, die in Kürze ihren Studiumsabschluss als Frauenärztin macht. Ali Aljahmani bemüht sich gerade um eine Ausreise für Maya, mit der er seit drei Jahren verheiratet ist. Noch wartet das junge Paar auf den Bescheid. Ali selbst darf jetzt erst einmal drei Jahre in Deutschland bleiben. Bevor er nach Stadtbergen kam, war er in Zusmarshausen untergebracht – und erinnert sich noch dankbar an die Hilfe einer Zusmarshauserin.

Stadtberger hofft auf Nachahmer

Hehl hofft indessen, noch mehr Menschen zu finden, die seinem Beispiel folgen. Warum er die Türen geöffnet hat? Zum einen hat er schon vor Jahren, als in Deutschland die Grenzen fielen, einem jungen Paar eine Wohnung in seinem Haus angeboten, bis sich diese beruflich etabliert hatten. Zum anderen ist da seine Überzeugung: „Wenn es einem selbst gut geht, dürfen wir diejenigen nicht vergessen, denen es nicht so gut geht.“ Und er selbst, seine Eltern, hatten gewissermaßen auch Erfahrungen als Flüchtlinge. Da sie ausgebombt waren, kam Hehls Familie aufs Land bei Burgau und lebte unter bescheidensten Verhältnissen zu fünft in zwei Zimmern. „Ich habe als Kind gelernt, was es heißt, als Flüchtling arm zu sein.“

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