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Augsburger Geschichte

19.02.2020

Als nach dem Krieg die Narren in Augsburg wieder feierten

Fantasievoll maskiert aus dem Altkleider-Fundus beteiligten sich vor 70 Jahren viele Kleingruppen am ersten Nachkriegsfaschingszug in Augsburg.
Bild: Sammlung Häussler

Plus Der erste Faschingsumzug im Jahr 1950 bot sarkastischen Humor auf 52 Wagen. Politische Themen waren damals tabu, die Akteure fanden ihren Stoff auf andere Weise.

Am 19. Februar 1950 fand nach elf Jahren Pause wieder ein Faschingszug statt. Als „Augsburger Fastnachts-Zug – Demonstrationszug der Freiheitsaktion Perlachien“ wurde er auf dem für 20 Pfennig kaufbaren „Entmilitarisierten Zugführer“ bezeichnet. Er listete 52 Themenwagen auf. Sie formierten sich beim Roten Tor zum „närrischen Umzug“ über den Milchberg, die Maximilian- und die Karolinenstraße zur Frauentorstraße. Der Faschingszug bog in die Georgenstraße ab, kehrte durch die Heilig-Kreuz-Straße, die Ludwigstraße und die Annastraße in die Stadtmitte zurück. Über den Königsplatz ging es in die Gögginger Straße zum „Westend-Saal“ (Gögginger Straße 26). Dort löste sich der Faschingszug auf.

Zehntausende säumten die Zug-strecke. Halb Augsburg schien auf den Beinen, um Straßenfasching zu erleben. Sie wollten nach langer Notzeit bei unbeschwerter Fröhlichkeit dabei sein. 1950 war es ein Wagnis, einen Faschingszug zu organisieren. Ludwig Wegele, Verkehrsverein-Vorsitzender und Kanzler der Faschingsgesellschaft Perlachia, ergriff dennoch die Initiative. Er mobilisierte Firmen, Innungen, Verbände, Vereine, Behörden, die Feuerwehr, die Bau- und die Kunstschule zur Teilnahme.

Fasching: Die "Sieben Schwaben" waren motorlos unterwegs

Mit einfachen Mitteln gestalteten sie Fahrzeuge aller Art. Die „Sieben Schwaben“ der Augsburger Puppenkiste waren motorlos unterwegs: „Wir ziehen unseren Karren selbst“, war darauf zu lesen. Die Amerikaner fehlten 1950 noch. Sie wurden erst in den Folgejahren mit Wagen und Abordnungen im Augsburger Straßenfasching aktiv. Für Deutsche galt die im Amtsblatt veröffentlichte Anweisung des Amtes für öffentliche Ordnung: „Masken in der Verkleidung und im Benehmen haben alles zu vermeiden, was gegen Anstand und gute Sitte verstößt. Das Tragen von Uniformen sowie von Amts- und Dienstkleidung als Masken ist verboten.“

Die alte Drei-Mohren-Fassade steht noch, das Fuggerhaus bekommt bereits Dachstuhl. Statt Herkules stehen Jugendliche auf dem verbretterten Brunnenbecken.
Bild: Sammlung Häussler

Politische Themen waren im Februar 1950 noch tabu. Doch der Alltag bot genügend Stoff für sarkastischen Humor. Ein hochaktuelles Thema war das kurz zuvor angekündigte Ende der Markenzeit. Mitarbeiter des Landratsamts griffen es auf. Unter dem Transparent „Das sterbende Ernährungsamt?“ bezeichneten sie sich als „hocherfreute Hinterbliebene in vergnügter Trauer“.

Auch die Central-Molkerei orientierte ihren Wagen mit einer überdimensionalen Milchflasche an diesem aktuellen Thema. „Vollmilch im Anzug“ nannte er sich. In einer Traueranzeige in der Zug-Zeitung machte die Molkerei „die traurige Mitteilung, dass wir die sterbliche Hülle der Milchbewirtschaftung vor einigen Tagen zur letzten Ruhe betteten. Sie ist nach zehnjähriger treuer Gefährtenzeit von uns gegangen.“ Ab 1. März 1950 waren Lebensmittelmarken nur noch zum Einkauf von Zucker nötig. Die Reaktion von „Edeka“ auf dem Firmenwagen: „Es drängt nach Zucker Stadt und Land, noch mehr hängt dran das Ernährungsamt. Das Ministerium für Landwirtschaft und Forsten hält an der Bewirtschaftung fest trotz aller Kosten.“ Zum 1. Mai entfielen dann auch die Zuckermarken. Die Metzger-Innung nahm das Schwarzschlachten als „Triumph des schwarzen Schweines über die Demokratie“ auf die Schippe. Ein paar Tage später endete die Fleischmarkenzeit.

Augsburger Faschingswagen persiflierten aktuelle Themen

Zahlreiche vor 70 Jahren aktuelle Themen wurden auf Faschingswagen persifliert: Die „Arbeitsvermittlung für Mitläufer“ und die „Hinrichtung des letzten Schwarzarbeiters“. Zu sehen war der „Möbelautomat, die noch nicht demontierte Maschine der Zukunft“. Die Damenschneider-Innung tröstete: „Faschings-Schlußverkauf – Eva braucht nicht nackt zu sein, wir kleiden sie recht hübsch und schön“ war über dem „Mode-Wagen“ zu lesen. Kleidung war 1950 ein allgegenwärtiges Thema. Es bestand nach dem Wegfall der „Kleiderkarte“ und der Textil-Bewirtschaftung ein gewaltiger Nachholbedarf.

Der „Datschiburger Bretzga-Waga“ der Bäcker-Innung war ebenso umdrängt wie die „Bonbonmühle“ der Zahnräderfabrik Renk und die „Närrische Knödelfabrik“ mit Kostproben. Von Firmenwagen wurden Süßigkeiten verteilt. Aus den oberen Stockwerken von Geschäftshäusern, die der Faschingszug passierte, „regnete“ es Bonbons auf die Menge. Viele maskierte Kinder begleiteten die Faschingswagen auf der gesamten Strecke, um die kostenfreien Leckereien einzusammeln. Am Montag war in der Schwäbischen Landeszeitung unter der Überschrift „Ganz Augsburg tollt um die verrückte Zirbelnuß“ zu lesen, der erste Faschingszug nach elf Jahren habe die als recht steif geltenden Augsburger begeistert. Sie hätten sich vom Humor anstecken lassen und seien „durchaus zum Scherzen und Lachen aufgelegt“ gewesen. Dass sich der Faschingszug vor 70 Jahren durch eine großteils ruinöse Häuserkulisse bewegte, erwähnte der Berichterstatter nicht. Fotos überliefern, wie wenig einladend Augsburgs Innenstadt im Februar 1950 noch aussah.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie hier.

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