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Urlaub zuhause

11.09.2020

Auf Brechts Spuren: Ein literarischer Spaziergang durch Augsburg

Eine Begegnung in der Moritzkirche inspirierte Hermann Hesse zu einer Schilderung in einem Buch. Nicht der einzige literarisch interessante Ort in Augsburg.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Plus Brecht war ein Augsburger Kind, doch auch viele andere Autoren hielten sich in der Stadt auf. Ein Spaziergang zu den bedeutendsten Orten.

Sich mit einem Ur-Augsburger Buchhändler auf Entdeckungsreise zu begeben, ist spannend. Und wer Kurt Idrizovic kennt, der weiß, dass Humor und schwäbischer Charme dabei nicht zu kurz kommen. Vom Märchenerzähler bis zum Literaturpapst waren alle in Augsburg, oft verewigten sie den Besuch später in ihren Werken. Ein literarischer Streifzug durch Augsburg.

Literarische Gesellschaft Augsburg mit Goethe, Tolstoi und May

Ausgangspunkt ist der Rathausplatz. "Hier vor dem Verwaltungsgebäude stand einst die Augsburger Börse", erzählt Idrizovic. Im Börsensaal eröffnete Gerhart Hauptmann am 19. Oktober 1922 die Veranstaltungsreihe der im August 1922 gegründeten Literarischen Gesellschaft Augsburg (LGA), die Schriftsteller wie Goethe, Tolstoi, Stefan Zweig, Karl May sowie andere Persönlichkeiten wie Richard Strauss und Theodor Heuss nach Augsburg holte. Sekretär Hauptmanns war übrigens einst der Schriftsteller Erhart Kästner, der seine Jugend in Augsburg verbrachte.

Thomas Mann las bei jener Versammlung im Jahr 1922 aus seinem noch nicht fertiggestellten Roman "Der Zauberberg". Der junge Dramatiker Bertolt Brecht verfolgte die Lesung und verfasste eine Rezension. Zu Brecht findet Idrizovic als einstiger Herausgeber des Dreigroschenheftes oft eine Brücke. Kein Wunder, ist Brecht doch ein Kind Augsburgs. "Da oben auf dem Perlachturm hielt der damals 14-Jährige Turmwacht im Ersten Weltkrieg. Dort entstand sein erstes Prosastück ‘Turmwacht’", erzählt Idrizovic.

Gleich an der Rathaustreppe, der Eisenstiege, hängt eine Tafel zu Ehren der ersten unabhängigen Schriftstellerin Deutschlands: Sophie von La Roche. Sie war Salonnière, lebte von 1741 bis 1754 in Augsburg und brachte eine der ersten Frauenzeitschriften namens "Pomona" heraus.

Brecht und weitere Autoren besuchten Peutinger Gymnasium

Wir flanieren weiter und kommen zur Kirche St. Moritz, wo Hermann Hesse eine Begegnung hatte, die er später in seinem Buch "Die Nürnberger Reise" festhielt: Er beobachtete einen "ländlichen Mann", der innig betete. Einfühlsam liest Idrizovic die Passage in der Kirche vor: "Dieser betende Mann und die Frauen mit den Bauerntrachten sind die Bilder, die ich in Augsburg für mein innerstes bleibendes Bilderbuch gewonnen hatte."

Das bekannteste Kaufhaus am Königsplatz war einst das Warenhaus Landauer. "Hier arbeitete Joseph Breitbach von 1925 bis 1928 als Buchhändler", sagt Idrizovic. "Sein Roman ‘Rot gegen Rot – Liebe gegen Kommunismus’ – spielt ebenfalls in einem Kaufhaus und könnte hier entstanden sein."

Auf Brechts Spuren: Ein literarischer Spaziergang durch Augsburg
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Auf Brechts Spuren durch die Gassen Augsburgs
Bild: Diana Zapf-Deniz

Und dann waren da die vielen anderen literarischen Ereignisse, von denen Idrizovic erzählen kann: "Julia Mann, die Mutter des Nobelpreisträgers Thomas Mann, zog 1903 in die heutige Nibelungenstraße in Augsburg, weil ihr Sohn Viktor stinkfaul war und an keiner Schule mehr genommen wurde als dem Königlich-Bayerischen Realgymnasium, dem heutigen Peutinger Gymnasium." Der Heimatroman-Autor Ludwig Ganghofer ging auch auf das Peutinger, ebenso Brecht.

Das Hotel Drei Mohren: Von Schopenhauer bis Grimm

Ein Blick in die Chronik des Nobelhotels Drei Mohren, das jetzt in Maximilian's umbenannt wurde, zeigt, dass seit 1722 Kaiser, Künstler und Kaufleute zu Gast waren. Darunter Arthur Schopenhauer (1804), der schottische Dichter Sir Walter Scott (1832), Dichter und Literaturwissenschaftler Ludwig Uhland (1852), Publizist Peter Scholl-Latour (1971), Schriftsteller Eugen Diesel, Sohn Rudolf Diesels (1957), Eugen Roth (1964) und Ephraim Kishon (2001).

Märchenautor Hans Christian Andersen verbrachte vom 16. auf den 17. November 1840 eine Nacht im Drei Mohren in der Maximilianstraße, und es sollten noch einige mehr folgen. Jacob Grimm (Gebrüder Grimm) war bereits 1815 dort. "Wir können schon stolz sein, welche Großen der Weltliteratur hier waren", findet Idrizovic und möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass Marcel Reich-Ranicki 1998 "Das Literarische Quartett" in der Teehalle des Drei Mohren abhielt.

Augsburg: Goethe und Ringelnatz waren im Weißen Lamm

Goethe nächtigte 1790 in Augsburg im Hotel "Zum Weißen Lamm" und schrieb: "Ich werde noch einige Tage in Augsburg bleiben, denn es kommt mir hier der Wohlgeruch der Freiheit entgegen." Joachim Ringelnatz war 1927 dort und dichtete: "Ich bin da im Weißen Lamm abgestiegen. Leider ließ ich im Zug dienen schönen, neuen Schwamm liegen. Mir bleibt nichts verschont. Hier hat auch Goethe gewohnt – wollte sagen "erspart". Sein Resümee: "Es lebe Goethe! Das Lamm! Und der Schwamm!"

Während der Philosoph und Humanist Michel de Montaigne 1580 von der Schönheit und Sauberkeit Augsburgs sowie den Wassertürmen samt Wasserversorgung schwärmte und traurig war, hier kein "schönes Frauenzimmer" gesehen zu haben, schienen dem Schriftsteller und Frauenheld Giacomo Casanova die Augsburgerinnen umso besser zu gefallen. Er kam gleich mehrmals in die Stadt, dabei ließ er es sich 1756 im Hotel Drei Mohren gut gehen.

Kurt Idrizovic vor der Lechklause, einst Brechts Lieblingskneipe.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Brechts Kneipe in Augsburg: Die Lechklause

In der Karmelitengasse 9 war im 19. Jahrhundert das Cotta’sche Verlagshaus. "Hier wurde der zweite Teil von Goethes Faust gedruckt, aber auch die Allgemeine Zeitung. Heinrich Heine berichtete aus Paris, Friedrich Hebbel aus Wien", sagt Idrizovic. Ein paar Häuser weiter ist eine Gedenktafel des Domkapitular Christoph von Schmid an ein Haus angebracht, der von 1835 bis zu seinem Tod 1854 dort lebte. "Von ihm ist das bekannte Weihnachtslied ‘Ihr Kinderlein, kommet’." Apropos Kinder: Durch die Puppenkiste kam auch einer der bekanntesten deutschen Jugendbuchautoren, Michael Ende, in die Fuggerstadt.

Ein Ort, an dem sich Brecht gerne aufhielt, war "Gablers Taverne", die spätere Lechklause. "Brecht war oft mit seiner Clique da. Hier wurde gesungen, gedichtet, geredet und geliebt. Das war das Zentrum seines literarischen und musikalischen Schaffens", weiß Idrizovic.

Und auch Lustiges gibt es zu erzählen: Als Udo Lindenberg eine Pressekonferenz in Augsburg gab, wollte er das Brechthaus sehen. "Zwei Minuten vor 17 Uhr kamen wir an und die Frau am Einlass meinte mit Augsburger Dialekt, ob er nicht morgen kommen kann", so Idrizovic. Eine kurze Führung konnte er dem Panikrocker dann doch noch geben.

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