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Interview

17.11.2017

Augsburg in einer ambivalenten Rolle

Am Wochenende findet eine Tagung zur Stadtgeschichtsforschung statt. Der Züricher Historiker Stephan Sander-Faes erklärt, wie Reformationen eine Stadt verändern können

Der Südwestdeutsche Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung hält vom 17. bis 19. November seine Tagung „Reformationen finden Stadt“ in Augsburg. Wie kann, in groben Zügen, eine Reformation eine Stadt verändern?

Kurzfristig verschieben Reformationen das interne Gleichgewicht in politisch-konfessioneller Hinsicht, das städtische Gemeinwesen bis anhin aufwiesen. Dies findet besonders durch die Säkularisierung vormals geistlicher Güter Ausdruck, die jedoch alsbald durch eben verändert konfessionalisierte Strukturen und Institutionen ersetzt werden. Mittel- und langfristig haben die „europäischen Reformationen“ – die evangelische wie die katholische – Konfession in Richtung mehr Formalisierung und veränderte Bildungsvorstellungen geprägt. Kurzum: Reformationen führen zu veränderten internen Machtverhältnissen, die sich kurzfristig durch Neu- und Umgründungen (Kirchen und Konvente, Schulen und Universitäten) bemerkbar machen; mittel- und langfristig änderte dies jedoch nichts an den sozialen Verhältnissen, da – hierbei ist besonders Martin Luthers Reaktion auf die Bauernunruhen der 1520er Jahre erhellend – die Symbiose von Kirche und Staat nicht fundamental verändert wurde.

Was haben die Städte der Frühen Neuzeit zur Reformation beigetragen?

Europas Städte können als Brennpunkte der Reformationen bezeichnet werden, die aufgrund ihrer Zentralräumlichkeit für ihre Regionen jedenfalls eine Vorreiterrolle einnahmen. Vergessen darf man jedoch nicht, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen nicht in Städten lebte und durch die als Konfessionalisierung bezeichneten Folgewirkungen des Luther’schen Thesenanschlags sich schrittweise und nicht an allen Orten mit derselben Intensität auswirkte. Städte waren also Inkubationsorte und Katalysatoren zugleich, wobei deren Ausstrahlungskraft eben unterschiedlich stark und nachhaltig auf die sie umgebenden Regionen wirkte.

Nimmt die Freie Reichsstadt Augsburg hier eine Sonderrolle ein?

Für den lutherischen Protestantismus und in Verbindung dazu für die „Lutherdekade“ der 1520er Jahre ist dies zweifelsfrei positiv zu bezeichnen. Mittel- und langfristig, wenigstens bis zum Dreißigjährigen Krieg, steht Augsburg als eine der paritätischen, bikonfessionellen Reichsstädte für einen Lösungsansatz.

Inwiefern?

Der Westfälische Friede von 1648 erweiterte diese Prinzipien zu einem Gutteil auf die calvinistischen Reichsstände, wobei bedacht sein möge, dass dies nicht dasselbe wie Religions- und Gewissensfreiheit bzw. religiöse Toleranz bedeutet. Die Rolle Augsburgs, so bedeutsam sie für das gleichnamige Bekenntnis sein mag, ist somit mindestens als ambivalent zu bezeichnen, für die Diskussionen der 1520er und 1530er Jahre aber war Augsburg gewiss sowohl Inkubationsort als auch Katalysator der lutheranischen Reformation; Ähnliches mag für Genf und den Calvinismus gelten.

Können Augsburger Bürger an Ihrer Tagung teilnehmen?

Jederzeit. Die Tagung ist öffentlich, sie beginnt am Freitag, 17. November, um 18 Uhr (pünktlich) im Evangelischen Forum St. Anna mit dem Vortrag von Marcus Sandl zum Thema „Die Stadt als reformatorisches Ereignis“. Die wissenschaftlichen Beiträge am 18./19. November sind ebenfalls öffentlich. Bitte beachten Sie, dass ein Tagungsbeitrag von 20 Euro anfällt.

Interview: Alois Knoller

unter www.hist.uzh.ch/de/fachbereiche/neuzeit/lehrstuehle/roeck/swak2017.htm

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