Ausstellung

23.01.2015

Bis zur Ekstase

Von Musik bewegt: Helge Leiberg und (im Ausschnitt) sein Acryl-Gemälde „Der Funke“ in der Galerie Noah.
Bild: hks

Der Künstler Helge Leiberg schafft mit seinen Gemälden und Bronzen mystische und archaische Welten, die von spindeldürren Menschen bevölkert sind

Wer zur Zeit die Galerie Noah verlässt, wo er durch 22 Gemälde und sieben Bronzeskulpturen von spindeldürren Körpern junger Nackter mit extrem verlängerten, ekstatisch bewegten Gliedern umgeben war, der mag einen Moment erstaunen, wenn ihm Menschen begegnen, die ganz normal gewachsen und gekleidet sind und ganz normal und unaufgeregt einherschreiten. Das aber besagt: Er hat die mystisch und archaisch anmutende Welt des Künstlers Helge Leiberg verlassen und befindet sich wieder im gewöhnlichen Alltag, der mehr Vollzug als Feier des Lebens ist.

„Hingabe“ hieß die Ausstellung, mit der sich der 1954 in Dresden geborene, in Berlin und im Oderbruch lebende Leiberg 2008 erstmals in der Galerie Noah zeigte. „Tanzrausch“ nennt sich die jetzige Schau, von deren Exponaten eine Bronze ebenfalls „Hingabe“ bezeichnet ist. Beide Titel können als ein Leitmotiv dieses elementar von Musik bewegten Künstlers gelten.

Die chiffrehafte form- und signalhafte Farbgebung vermitteln durchaus auch eine Nähe zu R. A. Penck, mit dem Leiberg eine Malerband freier Musik gegründet und auch schon ein gemeinsames Hamburger Wandbild geschaffen hat. Im Übrigen ist er ebenso der Literatur zugewandt, hat eine Werkreihe zu Dantes „Göttlicher Komödie“ gemalt und gezeichnet, hat mit Christa Wolf die Performances „Medea – Stimmen“ und „Kassandra“ gestaltet. Auch mit Filmen experimentiert er. Das heißt: Leiberg schöpft aus dem Vollen. Doch die im Lebensfluss bewegten Figuren reduziert er zu zeichenhaften Wesen, über die ein früherer Katalogtext befand, sie ebneten durch ihre schrankenlosen Bewegungen „den Weg für eine Freiheit des Geistes, die lebensnotwendig ist, um die Menschheit vor Tyrannei und Auslöschung zu bewahren.“

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Solche hochfahrenden Töne sind im Gespräch mit Helge Leiberg nicht zu hören. Er ist kein Mann der großen Worte. Er hasse vordergründige Bilder, sagt er. Vor dem mit 2,5 mal sechs Metern größten Gemälde benennt er die bittere Ironie des Titels „Das gelobte Land“, weil Flüchtlinge wie die Boat-people die Rettung dort suchten, wo Menschen einen Tanz auf dem Vulkan ausführten. Auf die Frage, ob sich das Bild „Trommeln in der Nacht“ auf Brechts frühe Revolutionskomödie beziehe, antwortet er überraschend: „Nein.“ Dazu habe ihn, der Trompete und Schlagzeug spielt, eine von ihm bewunderte holländische Jazzband angeregt. Ein einziger Wirbel ist dieses Acryl-Gemälde. Der Betrachter sieht und hört zugleich. Jedes Leiberg-Bild ist in Acryl, denn die Umsetzung einer Idee, eines Gefühls muss bei ihm spontan und schnell erfolgen, zu schnell für Ölfarbe. Auf einigen Bildern ist der Bewegungsdrang der Figuren eingeengt durch Kreis oder Viereck. Viele seien gefangen im System, meint Leiberg dazu.

Seine Bronzen entsprechen bis zum Titel (zum Beispiel „Derwisch“) den Gemäldefiguren. Auch sie leben von Spontaneität und Eile, zeigen Fingerspuren des Modellierens. Und zeigen keine Gesichter. Der Verzicht auf Physiognomie stellt das Allgemeine über das Einzelne. Es geht ums Ganze.

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