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07.08.2010

Das Puppenspiel war einfach da

Die Marionetten der Augsburger Puppenkiste sind ihr Leben: die beiden Brüder Klaus und Jürgen Marschall (rechts). Foto: Ulrich Wagner
Bild: Ulrich Wagner

In manchen Familien scheint sich das künstlerische Talent natürlich fortzupflanzen - von den Eltern über die Kinder zu den Enkelkindern. Was es mit Künstlerfamilien auf sich hat, beleuchtet unsere Sommerserie.

Alle waren sie Schauspieler: der Vater, die Mutter, die Großeltern. Ein Vorfahr spielte den Clown im berühmten US-Zirkus Barnum & Bailey. Seit drei Generationen betreiben die Oehmichens und Marschalls inzwischen die Augsburger Puppenkiste. Kann man aus so einer Familiengeschichte aussteigen? Allenfalls zeitweilig, weiß Jürgen Marschall heute. Weil alle in ihm schon den geborenen Nachfolger sahen, ist er 20 Jahre lang seine eigenen Wege gegangen. Aber längst ist Jürgen wieder zurück in der Puppenkiste und schnitzt alle neuen Marionetten. Zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Klaus, der bei der Puppenkiste geblieben ist, firmiert er als Inhaber des traditionsreichen Marionettentheaters.

Immer war das Puppenspiel da. In engster Fühlungnahme sind beide Brüder aufgewachsen. Mit drei Jahren bekam Klaus Marschall sein erstes Handpuppentheater mit Kasperl und Seppl, Krokodil und Großmutter. "Aber es waren keine gekauften Figuren, sondern die Mutter hat sie gemacht." Jürgen hat sich mit fünf Jahren beim Schnitzen in den Finger geschnitten - "mit dem größten Messer aus Mutters Werkstatt". Jeden Tag arbeitete sie in ihrem Kellerreich und abends nahm sie etwas zum Nähen und Basteln ins Wohnzimmer herauf. Klaus und Jürgen spielten Kasperltheater bei der Nikolausfeier der "Schlaraffia", wo Vater und Opa Mitglieder waren.

Später konnte es vorkommen, dass der 14-jährige Klaus für Notfalleinsätze in der Puppenkiste spontan mit dem Taxi von zu Hause abgeholt wurde. Zwischen Schulabschluss und Lehre (als Schauwerbegestalter) lag ein Jahr der Wanderschaft mit auswärtigen Puppenbühnen. "Es war für mich selbstverständlich, im Haus mitzuarbeiten. Aber ich habe keinen Gedanken darauf verschwendet, die Puppenkiste einmal zu leiten", erzählt Klaus.

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Die Mutter schnitzte furchtbar schnell

Jürgen, der 1958 geboren wurde, verkrümelte sich, wurde Gastronom und kam erst 1991 ins elterliche Puppentheater zurück. In der Marionettenwerkstatt durchlief er die harte Schule seiner Mutter. "Mit ihren 40 Jahren Erfahrung war sie furchtbar schnell beim Schnitzen." Zweimal überließ sie Jürgen einen halben Puppenkopf zum Weitermachen und riet ihm: "Trau dich nur, hau rein ins Holz!"

Ernst wurde es für beide Brüder, als es galt, die Augsburger Puppenkiste aus der Umklammerung des Hessischen Rundfunks zu befreien. "Die Fernsehinszenierungen sind uns aus der Hand gelaufen. Uns ging es um mehr als sprechende Tiere. Wir mussten die Puppenkiste wieder auf ihre Ursprünge zurückführen", erinnert sich Klaus Marschall. Das Selbstbewusstsein dazu bezogen die Brüder aus der Familientradition. "Es gibt so viele Dinge, die im Langzeitgedächtnis verankert bleiben", sagt Jürgen Marschall.

War nicht jede Sommerfrische ein Graus für die Buben, weil auch in Österreich stundenlang übers Marionettentheater geredet worden ist und weil alsbald die halbe Mannschaft im Feriendomizil der Familie Marschall-Oehmichen aufgetaucht ist? Bis heute unterhält man sich bei den Marschalls spätestens am dritten Urlaubstag mit Vorliebe in Dialogen aus Puppenkiste-Stücken. "Es fängt mit kleinen Zitaten an", verrät Klaus. "Uns macht es richtig Spaß."

<Augsburger Puppenkiste, das ist in erster Linie Theaterspiel und Komödiantentum. Walter und Rose Oehmichen, das Gründerpaar, ließen im Jahr 1948 einen ebenso schlitzohrigen wie lebensklugen Kasperl an den Fäden baumeln. Sein Schwiegersohn Hanns-Joachim Marschall brachte die politisch angehauchte Satire ins Kabarett, das zudem Freiraum für alle möglichen Spielformen bietet und das Ensemble inspiriert.

Auch Klaus Marschall hat experimentiert. Mit "Monty Spinnerratz" ließ er sich auf den ersten Kinofilm der Puppenkiste ein - Cinemascope war schon ein anderes Format als zwei Kistendeckel. Er gönnt sich und dem Ensemble die Luft, auch mal etwas Neues auszuprobieren, etwa eine unkonventionelle Interpretation von "Hänsel und Gretel". "Jeder Puppenspieler hat seine eigene Art, eine Figur zu interpretieren", sagt er. "Der Regisseur soll seine Leute sehr gut kennen, damit er weiß, wie er sie führen muss." Hauptsache, sie bilden eine künstlerische Gemeinschaft.

Trotzdem braucht es noch die Familie für ein Unternehmen wie die Augsburger Puppenkiste. "Niemand anders lässt sich so ausbeuten", meint Klaus Marschall augenzwinkernd - und voll Leidenschaft.

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