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Augsburger Geschichte

25.10.2017

Das neue „Ulrichseck“ entsteht

1930: Der Ulrichsplatz hieß bei dieser Aufnahme noch Maximiliansplatz. Ganz rechts am Ende der Häuserzeile steht das Pfarrhaus, daneben das noch erhaltene „Zinnenhaus“.
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1930: Der Ulrichsplatz hieß bei dieser Aufnahme noch Maximiliansplatz. Ganz rechts am Ende der Häuserzeile steht das Pfarrhaus, daneben das noch erhaltene „Zinnenhaus“.
Bild: Sammlung Häußler

Das Haus des evangelischen Ulrichspfarrers wurde 1944 zerbombt. Nach 73 Jahren wird die Baulücke geschlossen. Welche Funde die Archäologen auf dem Grundstück machten.

 Die Ecke Ulrichsplatz/Milchberg bildete bis 1944 eines der beiden Pfarrhäuser der evangelischen St.-Ulrich-Gemeinde. Das den Milchberg und das Afragässchen überragende Areal Ulrichsplatz 17 wurde 1584/85 von der „Pfarrzeche St. Ulrich“ erworben. Es wurde zum Wohnsitz des jeweils ersten Pfarrers der protestantischen Ulrichsgemeinde. Hier standen ursprünglich Holzhäuser von Webern, ihnen folgten reiche Familien. Das erste Steinhaus baute der kaiserliche Pronotar Ulrich Hofmair (1300 bis 1346). Danach lebten hier Patrizier, Kaufleute und ein Kupferstecher.

Bei der Einführung der Litera-Adressen anno 1781 bekam das Areal die einprägsame Anschrift „A 111/112“. In den frühen Adressbüchern ist das Gebäude als „Pfarrhaus zu St. Ulrich A.C.“, später „Prot. Kirchenstiftung St. Ulrich (1. Pfarrhaus)“ eingetragen. 1938 wurden die Litera-Adressen in der Altstadt aufgehoben, und das Pfarrhaus bekam die Anschrift Maximiliansplatz 17. So hieß der Ulrichsplatz von 1806 bis 1955.

Architektonisch ungewöhnlich

Ein Foto von 1930 überliefert das schlichte Pfarrhaus. Es schloss an das mächtige vierstöckige Gebäude an, dessen Zinnen architektonisch ungewöhnlich sind. Dieses repräsentative Wohngebäude (die Fassade wird derzeit restauriert) überstand im Februar 1944 das Bomben-inferno, während das damit verbundene Pfarrhaus samt Rückgebäude zerstört wurde. Die gewaltige freigelegte Südwand des „Zinnenhauses“ überragte über 70 Jahre lang das Pfarrhaus-Grundstück vis-à-vis dem historischen Ensemble aus Ulrichsbasilika, evangelischer Ulrichskirche und katholischem Pfarrhaus.

Im einstigen Pfarrhausgarten – er ist mit einer etwa drei Meter hohen Ziegelmauer vor dem Abrutschen ins Afragässchen geschützt – errichtete die evangelische Kirchengemeinde 1953/54 ein Ersatz-Wohnhaus für ihren Pfarrer. Es sollte später eine repräsentativere Bebauung an der „Schauseite“ zum Ulrichsplatz nicht behindern. Es war klar, dass die vor den beiden Ulrichskirchen im Blickfeld stehende, städtebaulich sensible Stelle eine besondere Gestaltung verlangte. Doch für ein entsprechendes Gebäude reichte das Geld der Grundstücksbesitzerin, der evangelischen Kirchenstiftung St. Ulrich, nicht. Bereits 1992 stand zwar die Neubebauung in der Diskussion, es kam damals jedoch nicht dazu. Die bauliche Kriegsnarbe am Ulrichsplatz, dem Südende der Kaisermeile, blieb ein weiteres Vierteljahrhundert bestehen.

Elf Millionen Euro

Erst 2010 kam die Planung für das jetzige Bauprojekt in Gang: ein evangelisches Zentrum. Da es für einen Bauherrn allein finanziell nicht zu bewältigen war, kam es zu einer kirchlichen Baugemeinschaft. In drei Gebäuden um einen Innenhof entstehen derzeit Büros des evangelischen Kirchengemeindeamtes Augsburg, Gemeinderäume der Pfarrei, Dienst- und Wohnräume des Regionalbischofs sowie Wohnungen für die beiden Pfarrer von St. Ulrich. Auf diese Weise werden die voraussichtlichen Kosten von rund elf Millionen Euro auf mehrere Institutionen verteilt. Dass der Baugrund in der untersten Zivilisationsschicht „römisch belastet“ ist, war ziemlich sicher. Bei allen bisherigen Baumaßnahmen im Umfeld der Ulrichskirchen waren die Archäologen auf ein ausgedehntes Gräberfeld aus der Römerzeit gestoßen. Der spätrömische Friedhof mit frühchristlichen Bestattungen setzte sich nördlich des Milchbergs fort. Stadtarchäologe Günther Fleps und sein Team wurden fündig: Sie konnten 20 spätantike Bestattungen nachweisen, darunter ein gut erhaltenes Kindergrab mit Beigaben.

Bevor die Archäologen die tief- liegende römerzeitliche Bodenschicht erreichten, stießen sie auf Siedlungsspuren aus vielen Jahrhunderten. Grabungsleiter Fleps publizierte die Grabungsergebnisse und seine Recherchen in Archivalien 2013 und 2016 in der Fachzeitschrift „Archäologisches Jahr in Bayern“. Er berichtete über „Spätrömische Gräber“ und „Frühe Weber und reiche Patrizier am Ulrichsplatz 17 in Augsburg“. Die Archäologen hatten Webkeller sowie Keller und Fundamente des ersten Steinhauses aus dem 14. Jahrhunderten freigelegt. Die geborgenen Funde – Keramik, Glas und Speisereste wie Hühnerknochen und Obstkerne – füllen viele Kisten.

Grabungen mussten unterbrochen werden

Als besonders fundreich beschreibt Fleps eine vom 16. bis ins 19. Jahrhundert benutzte holzverschalte Latrine. Da hinein war unter anderem bei einer „Sitzung“ offenbar der Geldbeutel eines Hausbesitzers, des Kaufmanns Lukas Meuting, gefallen: Neben Bronzemünzen enthielt er zwei zwischen 1498 und 1515 geprägte französische Goldstücke. Die Grabungen mussten mehrmals baubedingt für längere Zeit unterbrochen werden. Insgesamt waren die Archäologen rund zwei Jahre an der Arbeit.

Im Juli 2017 fand die Grundsteinlegung für das evangelische Zentrum statt. Dafür wurde ein eingängiger Name gesucht und gefunden: „Ulrichseck“ heißt das auf geschichtsbeladenem Grund entstehende Bauten-Ensemble Ulrichsplatz 17. Im Sommer 2019 soll das von dem Berliner Architekturbüro Volker Staab konzipierte „Ulrichseck“ fertig sein. 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird dann eine der letzten markanten, durch Bomben geschlagenen Baulücken in der großteils historisch geprägten Kernstadt von Augsburg in der Architektur des beginnenden 21. Jahrhunderts geschlossen sein.

Bei uns im Internet Frühere Folgen des Augsburg-Albums finden Sie unter www.augsburger-allgemeine.de/ augsburg-album

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