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15.02.2018

Das steckt hinter dem Gignoux-Haus

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5 Bilder
Das Gignoux-Haus im Jahre 2010. In diesem Jahr zog das Schauspielhaus Komödie aus, der Theatersaal ist abgebrochen.
Bild: Häußler, Städt. Kunstsammlungen

Als Stoffdruckerei 1765 erbaut, als Gignoux-Haus berühmt,  ist das Gebäude seit 1945 als „Komödie“ bekannt. Welche Geschichte dahinter steckt.

Seit Jahrzehnten ist ein über 250 Jahre altes Gebäude am Vorderen Lech im Gespräch, das den Augsburgern als „Komödie“ ein Begriff ist. Aber nicht dieser historische dreistöckige Bau, sondern ein entschieden jüngerer, an der Rückseite angebaute Saal war von 1945 bis 2010 Augsburgs „Schauspielhaus“. Der Winkelbau, das einstige Gignoux-Haus, wird derzeit restauriert und nutzungsgerecht umgebaut. „In dem Baujuwel sollen Wohnen, Gastronomie und Handel unterkommen“, heißt es in einem Ausblick. 16 Mietwohnungen sind geplant.

Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und durfte nicht abgebrochen werden. Solche Auflagen gab es beim Zuschauerraum der „Komödie“ nicht: Der Saal an der Hausrückseite ist verschwunden. Es war der entschieden jüngere angebaute Theater- und Tanzsaal der „Brauerei zum blauen Krügle“. Die Weißbierbrauerei grenzte nördlich an den als Cotton-Manufaktur errichteten Rokokobau. Im Jahr 1815 übernahm der Brauereibesitzer die stillgelegte „Fabrik“.

Vor über 200 Jahren begann die gemeinsame Geschichte der ungleichen Gebäude am Vorderen Lech. Um 1885 erwarb die Kronenbräu AG den Bautenkomplex. Sie legte die Brauerei still. Damit schaltete sie einen Konkurrenten aus und verkaufte die Gebäude an einen Malzfabrikanten. Ein Foto hält die Situation zwischen 1885 und 1910 fest. In dieser Zeit lautete die Aufschrift: „Mälzerei & Gastwirthschaft zum blauen Krügle von Josef Busch“. Um 1910 übernahm die Brauerei Lorenz Stötter das Gasthaus „Blaues Krügle“. Nächster Besitzer wurde der Gastwirt Mätthäus Kramer.

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Das „Blaue Krügle“ verfüge über einen „Saalbau, 600 Personen fassend“, heißt es um 1930 auf einer Postkarte. Dieser Saal wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schauspielhaus und Kulturkino „Komödie“. Darin fand am 10. Oktober 1945 die erste Vorstellung statt. Der Programmzettel ist erhalten: Dem kurzen „Vorspiel auf dem Theater“ von Johann Wolfgang von Goethe folgte „Der zerbrochene Krug“, Lustspiel von Heinrich von Kleist. 15 Minuten Pause sah das Programm vor, ehe „Der fliegende Arzt“ von J. B. P. Moliere den ersten Nachkriegs-Theaterabend in der „Komödie“ im „Blauen Krügle“ beschloss.

Weder der Zuschauerraum noch die Ausstattung wurden einem „Schauspielhaus“ gerecht

Obwohl die Programme ab der Spielzeit 1946/47 den Aufdruck „Schauspielhaus Komödie“ trugen, wurde weder der Zuschauerraum noch die Ausstattung hinter der Bühne einem „Schauspielhaus“ gerecht. Verbesserungen im Theaterbetrieb gab es Ende der 1950er Jahre, als die Familie Loew, damals Besitzer des „Bürgerlichen Brauhauses“ und des „Blauen Krügle“, den Komplex umbauen und sanieren ließ. Die Familie Loew brachte die Immobilie in den „Unterstützungsverein Bürgerliches Brauhaus“ ein. Das ist die Pensionskasse der Bürgerbräu-Rentner.

Ein „geschmackvolles, bezauberndes Theaterfoyer“ habe dieser Umbau gebracht, schrieb eine Zeitung. Im Prospekt des „Hotels Blaues Krügle“ von 1957/58 ist zu lesen, dass aus „alten, verkommenen Lokalen“ ein „kultiviert-bürgerliches Restaurant mit einer heimeligen Mozartstube und einer überaus reizvollen Holbeinstube“ geworden sei. In der ersten und der zweiten Etage lägen die „modern ausgestatteten, angenehmen Fremdenzimmer“.

2005 kaufte ein Augsburger Immobilienhändler den Gebäudekomplex. Im Juli 2010 ging darin die Ära des Schauspielhauses „Komödie“ im „Blauen Krügle“ zu Ende. Die neue „Brechtbühne“ löste sie ab. Die Gastronomie blieb, zuletzt unter dem Namen „Al Teatro“. 2015 übernahm ein Münchner Familienunternehmen die Immobilie. Noch ist das Gebäude kein „Baujuwel“ wie angekündigt, doch an der Fassade angelegte Farbvorschläge lassen erahnen, wie sie bald aussehen wird.

Um den Erhalt und die Restaurierung des einstigen Fabrikbaus wurde jahrzehntelang gerungen

Um den Erhalt und die Restaurierung des einstigen Fabrikbaus wurde jahrzehntelang gerungen. Schließlich verkörpert er Stadt- und Gewerbegeschichte. Erbaut 1764/65, beherbergte er bis 1815 die „Cotton-Fabrique“ der Unternehmerfamilie Gignoux. Die berühmte Anna Barbara Gignoux war nicht die Erbauerin – es war ihr zweiter Ehemann. Sie hatte 1748 den Kattundrucker Johann Friedrich Gignoux geheiratet. Er starb 1760. Die beiden minderjährigen Kinder waren als Erben eingesetzt.

Um unbeschränkt geschäftsfähig zu bleiben, heiratete die Witwe 1760 den Kaufmann Georg Christoph Gleich. Die Heirat erwies sich als Fehler. Die Eheleute prozessierten gegeneinander. Nach einem Vergleich 1762 konnte der Gatte allein über das Gignoux-Vermögen bestimmen. Er ließ 1764/65 das stilvolle Rokoko-Gebäude als „Fabrik“ bauen. Darin wurden Baumwollstoffe veredelt, bedruckt und gefärbt.

1770 folgte der Bankrott. Der Verursacher floh und hinterließ 200000 Gulden Schulden. Seine Frau brachte die Manufaktur in die schwarzen Zahlen, ließ sich 1779 scheiden und nahm wieder den Namen Gignoux an. Mit ihrer Tochter Felicitas Barbara (1759-1842) betrieb sie Augsburgs drittgrößte Kattunmanufaktur. Sie wohnte gegenüber. Ihr Haus Vorderer Lech 5 trägt über dem Eingang noch ihre verschlungenen Initialen „ABG“ und das Gignoux-Wappen. 1796 starb Anna Barbara Gignoux. Die Tochter verkaufte 1805 die Manufaktur. Sie bestand noch einige Jahre als „Zitz-Fabrick“ weiter, ehe 1815 die eingangs geschilderte Nutzungsänderung als Wohn- und Geschäftshaus sowie als Hotel erfolgte.

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