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Maximilianmuseum

24.04.2015

Der Untergang der eisernen Helden

Auf Münzen sollte der Erste Weltkrieg mit seinen entscheidenden Figuren als etwas Heroisches gefeiert werden. Sie zeigen den „Löwenmut“ deutscher Soldaten und blenden die Menschenschlacht vollständig aus

Wie muss man das nennen, wenn die Brutalität des Kriegs nicht beim Namen genannt wird, wenn Kämpfe schön gefärbt und moralisch überhöht werden? Hurra-Patriotismus, Propaganda oder einfach nur Lüge? Der Erste Weltkrieg bestand nicht nur aus Kampfhandlungen in den Schützengräben – zu Hause an der Heimatfront wurde die Bevölkerung bearbeitet und eingeschworen auf das große vaterländische Ziel.

So wurden die Sprache und Bilder ein Teil des Kampfgeschehens. Berichte von der Front dienten nicht nur zur Information, sie wurden schöngeschrieben, um die Menschen im Land weiterhin auf den Krieg einzuschwören. Im Maximilianmuseum ist in der Ausstellung „Blutgeld“ zu sehen, mit welchen Symbolen dabei gearbeitet wurde, um den martialischen Krieg in einen Schauplatz für Helden zu verwandeln.

Vor allem sind es in der kleinen, feinen Schau Gedenkmünzen, die ein Schlaglicht auf diesen Kriegsaspekt werfen. Die Berliner Firma „Robert Ball Nachfolger“ stellte die Münzen von 1915 bis 1917 her. Schon ihrem Aussehen nach verströmen die Medaillen etwas Martialisches. Es sind handtellergroße, geschwärzte Eisenmünzen. Allein das Material für die Propaganda-Münzen spricht Bände. Eisen war für die Herstellung des Kriegsgeräts entscheidend, Eisen war das Basismaterial für die Industrialisierung der Welt.

Was damals nur ein Notbehelf war, weil Silber und Bronze als kriegswichtige Rohstoffe nicht einfach verfügbar waren, wirkt von der Gegenwart aus betrachtet umso treffender.

Wie ein Hohn auf den Rohstoff des Massenzeitalters wirken die dargestellten Motive – auf den Vorderseiten die großen Entscheider des Landes als Heroen stilisiert: Kaiser Wilhelm II.; Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg in Uniform, der die Kriegserklärung am 31. Juli 1914 unterzeichnete; Kronprinz Wilhelm, der entschieden die Position der Obersten Heeresleitung unterstützte und gegen einen Verhandlungsfrieden war; Erzherzog Karl Franz Josef, erst Teil des obersten Armeekommandos, später der letzte Kaiser Österreich-Ungarns; König Ludwig III., Generalfeldmarschall der preußischen Armee mit ausschließlich repräsentativen Aufgaben und gleichzeitig der letzte König von Bayern.

Die Medaillen zeigen die letzten Vertreter der Monarchie

Auf die Münzen kamen die Herrscher und ihre wichtigsten politischen und militärischen Anführer, weil sie als Kriegshelden in Erinnerung gehalten werden sollten. Heute führt einem der Reigen die letzten Vertreter der Monarchie in Deutschland vor Augen. Menschen, die nicht wussten, nicht einmal ahnten, dass ihre Zeit abgelaufen war, dass ihre Herrschaftsform in Kürze nach dem verlorenen Krieg kollabieren würde. Schon das wirkt gespenstisch.

Die Rückseiten der Medaillen steigern dieses Empfinden noch. Dort finden sich szenische, mythisch-allegorische Darstellungen, die dem Kampf an der Front, der Menschenschlacht, die dort im Gange ist, ein gänzlich anderes Aussehen geben. Ein Ritter mit offenem Visier rammt sein Schwert in den Grund. Das ist bildlich eine Anspielung auf das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, in denen solche Ritter den Abschluss bilden. Das Kriegsgeschehen des Ersten Weltkriegs wird in den Zusammenhang mit den Befreiungskriegen gerückt. Es geht um die Verteidigung des Vaterlands, auch wenn die deutsche Armee mitten in Frankreich kämpft.

Heute wirkt die Darstellung grotesk. Mit dem Kampf von Rittern hat das Kriegsgeschehen nichts mehr gemein. Es geht nicht um Zweikämpfe und Heldenmut, es geht darum, die Gegenseite zu zermürben, abzunützen. Die Soldaten sind zum Material der Generäle geworden.

Neben Rittermotiven finden sich auf den Rückseiten auch Darstellungen von einfachen Soldaten mit Pickelhaube und Gewehr. Immer wirken sie siegesgewiss, mutig und tapfer. Sie schreiten gemeinsam voran, sie stürmen Seite an Seite auf den Gegner zu, sie benutzen das Gewehr auch als Keule, um dem Feind als „Bayern mit dem Löwenmut“ zu begegnen.

Doch je länger der Krieg dauert und je mehr die Bevölkerung von den Soldaten über den tatsächlichen Kriegsverlauf erfährt, desto geringer ist das Interesse an solcher Propaganda, solcher Verherrlichung. Die Münzserie wird bereits 1917 – auch aus Mangel an Käufern – eingestellt.

Unter welchen Umständen das Maximilianmuseum die Münzsammlung erlangt hat, ist in Vergessenheit geraten. Ohne eigene Inventarnummern wurden sie Jahrzehnte aufbewahrt. Museumsleiter Christoph Emmendörffer hofft, dass sich das im Augsburger Stadtarchiv eines Tages klären lässt.

In der Ausstellung „Blutgeld“ fügt er den Münzen zweierlei hinzu: Zum einen eine Abteilung, die darstellt, wie Augsburg sich auf Postkarten kriegswillig gezeigt hat. Vor allem der Perlachturm diente dabei als zentrales Motiv. Zum anderen kommt der junge Bertolt Brecht mit seinem Gedicht „Legende vom toten Soldaten“ zu Wort. Es zeigt den angehenden Schriftsteller, der immun für die Kriegspropaganda geworden ist und den Heldentod des Soldaten entzaubert.

Die Ausstellung „Blutgeld“ in der Münzsammlung im 2. Stock des Maximilianmuseums ist bis zum 30. August zu sehen. Der aufschlussreiche und informative Katalog hat 144 Seiten, kostet 12,80 Euro und ist im Wißner-Verlag erschienen.

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