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20.05.2010

Der blühende Schießplatz im Auwald

Siebenbrunn Bedauerte mancher das Verschwinden von Alt-Siebenbrunner Gebäuden, so war niemand traurig, als der Schießplatz im Haunstetter Wald im wahrsten Sinne des Wortes stillgelegt wurde. Geknallt hatte es seit 1886 in dem etwa 2,5 Kilometer vom Dorfkern von Meringerau beziehungsweise Siebenbrunn entfernten Waldteil. Zu Kaisers und zu Königs Zeiten, in der NS-Ära und nach dem Zweiten Weltkrieg marschierten oder fuhren Soldaten der Garnison Augsburg zwecks Schießübungen zu diesem fast 66 Hektar großen Areal, das als "Militärschießplatz" in manchen alten Landkarten als Sperrzone eingezeichnet ist. Bis 1918 hatte hier das Generalkommando des I. Armeekorps das Sagen. Es gehörte bis dahin zum königlich-bayerischen "Militär-Ärar".

VON FRANZ HÄUSSLER

Postkarten zeigen zechende Soldaten

Lang gestreckte Baracken, Schießbahnen und eine "Kantine" wurden mehr oder minder durch hohe Nadel- und Laubbäume getarnt. Die Wirtschaft war ursprünglich nur Uniformierten vorbehalten. Noch 1912 heißt es darüber, es sei "eine Restauration in hübscher Umgebung, wo Zivilisten nichts verabreicht werden darf". Es sind Postkarten erhalten, die den Schießplatz-Bierausschank mit zechenden Soldaten zeigen. Nach Lockerung des strikten Zivilisten-Ausschlusses durfte sich zumindest an "ruhigen", also schießfreien Tagen jedermann unter den Kastanien zu Brotzeit und Bier niederlassen. Der Feldwebel Michael Harrer, der schon in den 1920er Jahren im Wachhaus mit Stallung wohnte, durfte die kleine Wirtschaft "Schießplatz" (Anschrift: "Siebenbrunn 60") betreiben. Er wird im Adressbuch für 1944 als "Schießplatzaufseher" geführt.

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15 Bunker mit Bewuchs getarnt

Es gab auch viel Geheimniskrämerei: In vielen Landkarten ist dieses Militärgelände nicht verzeichnet. Zur NS-Zeit wurden die "geheimen Flächen" vergrößert. 1936 und 1939 musste die Stadt an die Heeresverwaltung 6,5 Hektar Wald in der Flur "Meringerauholz" zur Anlage eines Munitionslagers verkaufen. Dort wurden etwa 15 Bunker gebaut und mit Bewuchs getarnt. Das sogenannte Korpsmunitionsdepot sollte aus der Luft nicht erkennbar sein. Da verwundert es, dass 1939 eine Umgebungskarte von Augsburg den "Militär-Schießplatz" enthält und den Aufdruck "Für die Öffentlichkeit freigegeben" trägt.

Ab 1945 nutzten die Amerikaner das eingezäunte Sperrgebiet mit Bunkern, Wällen, Kugelfängen, Baracken und Munitionsdepots. 1983 begann die Entmilitarisierung des zuletzt von der Bundeswehr genutzten Areals. 1986 konnte der Bereich der Munitionsdepots von der Stadt zurückgekauft werden. Sie übte nach 50 Jahren ein Vorkaufsrecht aus, das beim Zwangsverkauf im Grundbuch eingetragen worden war.

Ab 5. Juni 1991 hatten wieder deutsche Behörden das alleinige Sagen über den in der Trinkwasser-Schutzzone liegenden Schießplatz. Die Amerikaner suchten ihn vor ihrem Abzug nach Hinterlassenschaften ab, spürten Geschosshülsen, Splitter und Projektile auf. Doch die Böden sind durch Schießpulver, Treibstoffe und Öle aus 120 Jahren militärischer Nutzung verunreinigt. Wiederholte Wasserproben erbrachten keine negativen Auffälligkeiten, sodass nach Auskunft der Trinkwasser-Fachleute kein akuter Handlungsbedarf bei der kostspieligen Suche und Beseitigung von Altlasten bestehe. Sie halten jedoch eine "Sanierung mittelfristig wünschenswert". Das einstige Militärgelände untersteht nach wie vor der Bundesvermögensverwaltung, der Landschaftspflegeverband Augsburg betreut es.

Naturschützer unterstützten Umgestaltung

Ein Teil der Bunker, Kugelfänge und Wälle ist inzwischen abgetragen. Etliche Bunker schüttete man zu und ließ lediglich Schlitze oder Löcher frei, um darin Fledermäusen, Schmetterlingen und Amphibien Quartiere zu bieten. Das Areal entwickelte sich zu einem hochwertigen Biotop für Pflanzen und Tiere - sehr zur Freude der Naturschützer, die die Umgestaltung aktiv unterstützen. Der Naturschutz-Experte Dr. Eberhard Pfeuffer bezeichnet den einstigen Schießplatz dank der wiedererstandenen alten Lechheiden-Struktur als eine der wertvollsten Heiden Süddeutschlands.

So unglaublich es für den Uneingeweihten erscheinen mag: Die sporadische Befahrung durch Militärfahrzeuge sorgte für eine unglaubliche Strukturvielfalt. Im Gelände wechseln magere und fette Stellen, Kiesbänke und Mulden liegen wie im alten Lechbett mal trocken, mal vernässen sie wieder. Auf der tiefer liegenden Westseite der alten Schießanlagen mit zum Teil überdachten Betonwänden steht Grundwasser an.

Das lieben die einst lechtypische Fauna und Flora. So ist auf dem Schießplatzareal Bayerns größtes Vorkommen der Hundswurz oder Spitzorchidee zu beobachten. Die Vielfalt an seltenen Schmetterlingen ist enorm. Nur hier haben Ringelnattern, Schlingnattern und Kreuzottern noch heute einen ungestörten Lebensraum. Davon gab es hier mal so viele, dass den Soldaten das Hinlegen in der Heide verboten war.

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