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16.07.2010

Die Stimme als Instrument

Tradition verpflichtet auch Jazzsänger: Kurt Elling, im Hintergrund Bassist Harish Raghavan. Foto: Eric Zwang-Eriksson
Bild: Eric Zwang-Eriksson

Sandfarbenes Jackett zu dunkler Hose und braunem Sommerschuhwerk, und über blauen Augen zurückgekämmtes, glänzend schwarzes Haar: Auf den ersten Blick würde man bei dem Sänger Kurt Elling auf einen Vertreter des gehobenen Entertainments tippen.

Weit gefehlt. Als er zum Open-Air-Auftakt des Augsburger Jazzsommers den Pavillon im Botanischen Garten betritt und erst einmal solo seine Stimme durch komplizierte harmonische Fortschreitungen schickt, wird schlagartig klar, dass Elling den Jazz im engeren Sinn vertritt. Eckig die Phrasierungen, packend der Zugriff auf die melodische Linie, explosiv und vorwärtstreibend die gegen das Metrum gesetzten Akzente.

In gewisser Weise ist er ein Traditionalist, dieser Amerikaner. Einer, der die alten Tugenden des Jazz hochhält, ein kantiger Stein im seichten Fluss jener Stimmchen und ihrer braven Arrangeure, die heute überwiegend den vokalen Jazz repräsentieren. Und doch ist Elling nicht rückwärtsgewandt, trägt vielmehr die Flamme der Tradition weiter, indem er zwar Altes aufgreift - die Soli von Instrumentalisten als Grundlage so mancher Interpretation etwa -, jedoch umformt zu Eigenem und damit Neuem.

Als wär's von Ben Webster

Die Stimme als Instrument

Was man bei Elling hören kann, war immer schon ein Kennzeichen wahrhaften Jazzgesangs: dass die Stimme klingt, als sei sie ein Instrument. Elling macht es einem beim Hören nicht schwer, die Songtexte zu abstrahieren und seine Vokallinien als die eines "horns", eines Saxofons oder eine Trompete wahrzunehmen. Das ist, wohlgemerkt, kein Nachmachen eines Instruments mit Mitteln der Stimme, kein vokaler Hokuspokus, sondern etwas grundsätzlich anderes: das zutiefst jazztypische Verständnis der Stimme als Instrument. Und das gipfelt in Momenten wie am Ende von "Stardust", wenn Ellings Stimme im tiefen Register schwingt wie die Luftsäule von Ben Websters Saxofon beim Finalton einer Ballade.

Aber allein schon das Timbre von Ellings Bariton ist aufregend. Aufgeraut, immer zur Schärfe neigend und bei aller Dunkelheit unverkennbar weiß - ein urbaner Sound, der an den Frank Sinatra der 1940er Jahre erinnert, an dieses gedämpfte Röhren, in dem latent Eros und Aufbegehren mitschwangen.

Elling ist ein faszinierender Balladensänger. Vor allem wegen der Art und Weise, wie er das "crooning", den männlich-schmelzenden Schöngesang, in seine Interpretationen mit einbezieht und verwandelt. Man vernimmt nie Schmalz in Nummern wie "My foolish Heart" oder "You are too beautiful", und doch bleibt in ihnen genügend Sentiment fürs Erzeugen von Balladenschauer vorhanden. Auf sein Begleitquartett kann sich Elling dabei durchwegs verlassen, insbesondere auf den famosen Gitarristen John McLean, einen auch in längeren solistischen Passagen anregenden Erzähler.

Mit Rilke gesagt

Elling hat eine Schwäche für Literatur, gerade auch für die deutsche. Als die Sonne hinter den Bäumen verschwunden ist, rezitiert er zu leisen Klavierakkorden Rilkes Verse "Zum Einschlafen zu sagen" auf Deutsch. Das passt durchaus in die linde Sommernacht. Nur später dann, als er eines von Brahms' "Liebesliedern" anstimmt und sich an Georg Friedrich Daumers Wortüberschwang ("so überreichlich tränte dorten das Auge mir") versucht, möchte man ihm zurufen: Bleib bei deinen Leisten!

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