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Augsburger Geschichte

12.07.2017

Die verkürzte Barfüßerkirche

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3 Bilder
Die einstigen Ausmaße der Barfüßerkirche lässt diese Aufnahme erkennen. Das lange Kirchenschiff mit den hohen Fenstern fehlt heute.
Bild: Franz Häußler

Von Augsburgs größter evangelischer Kirche ist nur noch der Chor erhalten.

Große Festivitäten des evangelischen Augsburg fanden bis zum Zweiten Weltkrieg in der Barfüßerkirche statt. Der Grund: Sie war das größte evangelische Gotteshaus der Stadt. Die ursprünglich gotische Hallenkirche war 1407 bis 1411 für die Barfüßermönche erbaut worden. Anno 1536 wurde sie den Evangelischen übergeben und im Jahr 1723 barockisiert. Sie bot rund 2000 Sitzplätze. Alle waren belegt, als 1930 in der mit viel Grün geschmückten Kirche das 400-Jahr-Jubiläum der Übergabe der Confessio Augustana an Kaiser Karl V. in Augsburg gefeiert wurde. Fotos überliefern diese Feier in dem gewaltigen Kirchenraum.

Wo sich das mit festlich gekleideten Menschen gefüllte Langschiff befand, liegt jetzt das „Paradies“. So wird der idyllische Garten genannt, den an der Ostseite die immens hohe Kirchenwand aus Backsteinen weit überragt. Diese Mauer aus Recyclingmaterial bildet seit 70 Jahren den Abschluss des einstigen Chors. Sie schloss 1947 den 24,5 Meter langen und 22,5 Meter hohen Chor der Barfüßerkirche. An ihn schloss sich ursprünglich das Langhaus an. Es brannte in der Bombennacht vom 25. auf den 26. Februar 1944 aus. Die brennenden Dachbalken stürzten ins Kirchenschiff herab, die Flammen ließen nur die Säulen und die Seitenwände übrig. Drei Fünftel der Kirche waren zerstört. Das massive Chorgewölbe überstand das Inferno, war aber ebenfalls ohne Dach.

Große Risse in der Südwand

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Die Südwand des Kirchenschiffs zeigte große Risse und wurde als einsturzgefährdet eingestuft. Das führte bald zur Sprengung einer Pfeilerreihe. Später musste der Rest niedergelegt werden. Das gemauerte Massivgewölbe des langen Ostchors zeigte kaum Schäden und wurde als erhaltbar angesehen. Dieses hohe Chorgewölbe mit offener Westseite bot einen grotesken Anblick.

Den Stuck und den Putz hatte die Brandhitze großteils abgesprengt. Die ursprüngliche Backsteingotik war wieder zum Vorschein gekommen. Der Anblick ließ bei dem Architekten und Baurat Hellmut Schenk die Idee reifen, aus diesen über 500 Jahre alten Mauern und Gewölben eine „neue“, verkürzte Barfüßerkirche mit ungewöhnlichen Proportionen zu machen. Seine Studie bildete die Grundlage für konkrete Pläne. Sie wurden verwirklicht. Geldmangel und Materialnot zwangen zu einem Wiederaufbau mit möglichst viel Recyclingmaterial. Bei der ersten dringenden Baumaßnahme im Jahr 1946, dem hölzernen Dachstuhl, war das nicht möglich. 1947 wurde der neue Westgiebel an jener Stelle hochgemauert, an der der erhaltene Chor und das verschwundene Kirchenschiff aufeinandergetroffen waren. Dass das Baumaterial Altziegel sind, ist an dem unverputzt gebliebenen Gemäuer unschwer erkennbar.

Ziegelmauer mit Kalk überzogen

Auch der Kirchenboden besteht aus Recyclingmaterial. Man geht auf großformatigen Ziegelsteinen. Die gebrannten Vollziegel sind sehr hart und passen mit ihren warmen Tönungen stilistisch bestens zu der wieder sichtbaren Backsteingotik des Kirchenraums. Dort wurden der Restputz entfernt und die freigelegten Ziegelmauern lediglich mit einer dünnen Kalkschlämme überzogen, sodass die Mauerwerksoptik erhalten blieb. Als die Barfüßergemeinde am Palmsonntag des Jahres 1949 den ersten Gottesdienst in ihrer „neuen“ Kirche feierte, fehlte noch vieles: Eine Empore wurde später eingebaut, die darauf platzierte Orgel folgte 1958, der Taufstein 1963. Auch das kunstvolle barocke Chorgitter aus dem Jahr 1760 kehrte später zurück.

Trotz oder vielleicht gerade wegen der ungewöhnlichen Raummaße besitzt die Barfüßerkirche eine hervorragende Akustik. Sie macht Orgelkonzerte zu einem Erlebnis. So konnte die Tradition als „Konzertkirche“ mit der in Vorarlberg gefertigten jetzigen Orgel fortgeführt werden. Die Barfüßerkirche verfügte ab 1757 über eine vom berühmten Augsburger Orgelbaumeister Johann Andreas Stein gebaute dreimanualige Orgel. Deren vortrefflichen Klang wussten Wolfgang Amadeus Mozart und Albert Schweitzer gleichermaßen zu schätzen. Sie konzertierten darauf. Die Stein-Orgel verbrannte 1944 ebenso wie die kunstvolle Kanzel aus dem Jahr 1751.

Weithin bekanntes Kunstwerk

Bewahren konnte die Barfüßergemeinde ihren reichen Schatz an kostbarem Altargerät. Es sind Kelche, Abendmahlskannen, Hostiendosen, Taufgeräte, Leuchter und Altarkreuze aus vier Jahrhunderten. Das segnende Christkind, geschnitzt von Georg Petel um 1632, ist ein weithin bekanntes Kunstwerk in der Barfüßerkirche. Es krönte ursprünglich den Schalldeckel der Kanzel. Jetzt befindet sich das Christkind an der Nordwand des Chors nahe dem Altar.

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