Newsticker

Macron verkündet zweiten Lockdown für Frankreich
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Eine Sensation wird endlich für viele sichtbar

Serie(Folge 20)

24.02.2015

Eine Sensation wird endlich für viele sichtbar

Martin Spengler (links) und Benjamin Mayer haben das Band entworfen, das in der Loggia der Fuggerhäuser die Geschichte der Badstuben erzählt.
Bild: Lab Binaer

Die Badstuben der Fuggerhäuser sind ein kunsthistorisches Meisterwerk. Besucher können aber nur in geringer Zahl hindurchgeführt werden. Das Labor für Medienkunst, Lab Binaer, macht die Räume erlebbar

Das Wasser jenseits der Glasfront macht einen schwindlig. Alles ist in Bewegung, alles fließt direkt vor einem, obwohl die Füße auf festem Boden stehen. Der Raum ist geradezu Programm für das Labor für Medienkunst, Lab Binaer. Hier, an der Müllerstraße, haben sie ihre Kreativzentrale, hier entstehen ihre außergewöhnlichen Arbeiten. Nie stillstehen, sich immer selbst hinterfragen, immer neue Lösungen finden, das gehört bei Lab Binaer ins eigene Erbgut. Nur in einem hinkt der Vergleich mit dem Wasser: Den Weg des geringsten Widerstands beschreiten Benjamin Mayer und Martin Spengler fast nie.

Gerade zeigt sich das an einem Projekt, das in seine finale Phase getreten ist. Eine Präsentation, die den Glanz und die Bedeutung der Badstuben in den Fuggerhäusern verdeutlicht. Erhalten hat Lab Binaer den Auftrag vor vier Jahren. Die ursprüngliche Idee war, in einer digitalen Aufbereitung das widerzuspiegeln, was wenigen Besuchern pro Jahr vergönnt ist: die Badstuben in Augenschein zu nehmen, wie Benjamin Mayer von Lab Binaer erklärt.

Bomben haben den Bau im Krieg schwer beschädigt

Die Badstuben der Fuggerhäuser sind eine kunsthistorische Sensation. Meister aus Florenz, die auch in den Diensten der Medici standen, schufen von 1569 bis 1571 zwei prachtvolle Räume, deren Glanz, deren Klasse weithin ausstrahlte. In den Räumen brachte Hans Fugger unter anderem seine Kunstsammlung unter. Aber: Dieses Wunderwerk der Renaissance-Kunst wurde durch Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Und das Löschwasser setzt dem Mauerwerk auch heute noch zu.

Mit hohem Aufwand ist das, was der Zerstörung entgangen ist, restauriert worden. Aber die Salze des Löschwassers stecken immer noch in den Wänden und bedrohen die Fresken. Nur bei besten klimatischen Bedingungen kann verhindert werden, dass die Salze nicht reagieren. Aus diesem Grund sind die Besucherzahlen stark reglementiert.

Die Idee war nun, dass Lab Binaer den Musen- und den besser erhaltenen Zodiakussaal in der vorgelagerten Loggia auch für diejenigen wieder erlebbar machen, die keinen Platz für eine Führung bekommen. In einer ersten Phase des Projekts haben sich Mayer und Spengler von Fachleuten erzählen lassen, weshalb die Badstuben so bedeutend sind, aber auch, welche Tücken in der Restaurierung lagen, wo die Bomben Schäden angerichtet haben, was zerstört wurde und was nicht.

Danach setzten Zweifel ein, ob eine digitale Präsentation tatsächlich die Königslösung sei, um Besuchern einen Eindruck von den Badstuben zu verschaffen. Hier zwei Räume, die kunstvoll ausgestaltet sind, dort Monitore, auf denen zweidimensional das nacherzählt wird. „Digital wäre nur schwer zu vermitteln gewesen, wie sich der Raum anfühlt“, sagt Mayer. Also schlug das Medienkunst-Labor einen anderen Weg ein.

Ihre Idee: Eine Raumskulptur zu schaffen, die die Dimensionen der Badstuben erahnen lässt und gleichzeitig einen Eindruck von den kunsthistorischen Schätzen der Badstuben vermittelt. Ein circa 40 Meter langes und 60 Zentimeter breites Band haben Spengler und Mayer entworfen, das mal an der Wand, mal auf dem Boden, mal an der Decke verläuft. Das Band gibt – kleiner als im Originalmaßstab – die Dimensionen der Badstuben wieder. Und es lenkt den Blick auf einzelne Details, die dort wiedergegeben werden, wo sie tatsächlich in den Badstuben zu finden sind. Auf dem Boden, an der Wand, auf der Decke. Dazu gibt es immer wieder Text-Einschübe auf dem Band, die verschiedene Aspekte der Badstuben aufgreifen, zum Beispiel wer hinter einzelnen Kunstwerken steckt, was in der Bombennacht geschehen ist, wie die Restaurierung verlief.

Jetzt, wo in der Loggia das umlaufende Band installiert ist, sagt Mayer: „Es wirkt noch besser, wie wir es uns vorgestellt haben.“ Wie eine Papierrolle windet es sich durch den Raum – leicht und fragil. Angefertigt hat dieses Band die Augsburger Firma Stonner IP. Auch wenn es luftig wirkt, ist es stabil.

Auf die Konstruktion aus Verbundstoff werden Bilder und Erklärungen angebracht. Die Ausdrucke sind fertig, allerdings darf die Folie nur angebracht werden, wenn die Raumtemperatur 24 Stunden lang über acht Grad Celsius liegt. „Darauf warten wir noch“, sagt Mayer. Die Loggia ist nämlich unbeheizt. Für das Grafikdesign hat Lab Binaer mit der Augsburger Agentur Neonpastell zusammengearbeitet. Drei Augsburger Firmen sind maßgeblich am Ausstellungsdesign beteiligt.

Nicht nur eine Spielerei, sondern ein Sinnbild für die Geschichte

Zusätzlich zu dem Band gibt es zwei weitere Elemente: einen Plan und eine Bank als Sitzgelegenheit. Der Plan verwirrt auf den ersten Blick, weil er aus drei Schichten besteht: Augsburg, einer Europakarte und einer Karte mit den Faktoreien der Fugger in Europa (plus der Reisezeiten dorthin). Sichtbar werden die einzelnen Pläne erst mit speziellen Lupen. Das ist nicht nur eine Spielerei für das Publikum, sondern auch ein gutes Sinnbild für die Geschichte, in der alles miteinander verknüpft ist und sich alles erst einmal gegenseitig überlagert. Der Besucher wird zum Detektiv, nimmt dabei aber nur einen Ausschnitt des Geschehens wahr. Und die Dinge werden aus ihrem Kontext gerissen.

Wer sich auf der Bank niederlässt, um das alles anzuschauen, wird bemerken, dass er virtuellen Besuch bekommt. Auf den Sitzplätzen werden per Beamer die Daten historischer Persönlichkeiten eingeblendet, die einmal in den Badstuben bei den Fuggern gewesen sind.

Lange wird es bis zur Eröffnung der Loggia nicht mehr dauern. Dass das Projekt sich so hingezogen hat, lässt Mayer selbst staunen. Aber er ist zufrieden. Herausgekommen ist eine Arbeit, mit der Lab Binaer nicht nur den Auftraggeber, sondern auch sich selbst überrascht hat.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren