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Maximilianmuseum

31.12.2011

Eine barocke Zeitansage

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3 Bilder
Blick frei im Maximilianmuseum auf das Prunkkabinett, hier mit dem geöffneten Mittelgeschoss und den kleinen Tafelbildern.
Bild: Foto: Ulrich Wagner

Heinrich Eichlers Prunkkabinett – Uhr, Möbelstück und Kunstwerk in einem – ist erforscht, zugeschrieben und datiert worden

Damals war Augsburg die Hauptstadt der Zeit. Jedenfalls jener Zeit, die von Räderuhren angezeigt wurde, die fest in kleinen Kabinettschränken installiert waren. Diese Augsburger Erfindung gipfelte in den Prunkkabinetten von Heinrich Eichler d. Ä. (1637–1719) und seiner Werkstatt. Für den aus dem sächsischen Liebstadt stammenden Augsburger Kistler-Meister (seit 1664) kann jetzt die Bonner Restauratorin und Kunstwissenschaftlerin Christine Kowalski in ihrer Doktorarbeit acht Prunkkabinette mit Uhr nachweisen. Sie sind zwischen 1685 und 1706 entstanden, bis zu 109,5 cm hoch, 82,5 cm breit, 34 cm tief und heute auf die Standorte Braunschweig, Kopenhagen (2), St. Petersburg, Berlin und Augsburg verteilt; ein Londoner und ein Hamburger Exemplar sind verschollen.

Neues Berufsbild des Silberkistlers

Mit einem Blick auf eines der Objekte wird deutlich, warum für diesen Meister die Berufsbezeichnung „Kistler“ (Schreiner) nicht mehr zutraf, wohl aber „Silberkistler“. Eichlers Kleinmöbel sind bedeckt mit Silberfolien, Silberreliefs und Silberfiguren, die er von Augsburger Goldschmieden bezog. Hinzu kamen Emailleure und Tafelmaler. Sie alle konnten für die Gestaltung der Einzelkomponenten auf Musterbücher zurückgreifen, war doch Augsburg auch ein Zentrum des Ornamentdrucks und szenischer Druckgrafiken.

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Die Verwendung neuer Materialien wie Schildpatt, Elfenbein, Feinsilberfolie in Kombination mit Holz, wie das bei Eichlers Prunkkabinetten geschah, ging über die hergebrachte Zunftordnung hinaus und durch Koordination und Arbeitsteilung auf eine Manufaktur zu.

Insofern schlägt in diesen Uhrenkabinetten auch schon eine neue Zeit. Zunächst klang das noch sehr musikalisch, denn in den ersten Objekten von 1685 (Braunschweig) und 1690 (Kopenhagen) befand sich im Sockelgeschoss auch ein Flötenwerk, das verschiedene Melodien spielen konnte. Die späteren Ausführungen verwendeten diesen Platz für Toilette- und Schreibutensilien. Damit konnten die feinen Damen mehr anfangen, denn sie waren die Hauptadressaten – wie das Geschenk des dänischen Königs Friedrich IV. an seine Gemahlin, die Königin Louise, beweist.

Von dem Prunkkabinett, das sich seit 1912 als Geschenk des Kommerzienrats Matthias Ohlenroth im Augsburger Maximilianmuseum befindet, ist der ursprüngliche Besitzer nicht bekannt. Seit etwa 1870 gehörte es dem Freiherrn Carl von Rothschild in Frankfurt. Es ist das letzte dieser Werkgruppe. Sein Fertigungsdatum „Anno 1706“ wurde erst unlängst im Schubkastenfach des Sockelgeschosses entdeckt.

Das erste Prunkkabinett mit Uhr, das später als Geschenk des Preußenkönigs Friedrich II. an den Herzog Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg an seinen heutigen Standort Braunschweig gelangte, dürfte um 1685 entstanden sein. Das folgert u. a. aus stilistischen Vergleichen mit der Kanzel von St. Anna in Augsburg, die Heinrich Eichler d.Ä. zwischen 1682 und 1683 schuf.

Pyramidal gegliedert in Sockel-, Mittel-, Obergeschoß

Alle acht Prunkkabinette sind nicht signiert. Das wichtigste Beweisstück, dass sie von Eichler und seiner Werkstatt stammen, ist ein um 1700 entstandener Kupferstich. Schon Paul von Stetten erwähnte ihn 1779 in seiner Beschreibung der Augsburger Silberkistler. Christine Kowalski suchte und fand ihn in Augsburgs Grafischer Sammlung.

Das gab ihrer 2011 publizierten Doktorarbeit über Eichlers Prunkkabinette mit Uhr den entscheidenden Rückhalt. Auf diesem Anschauungsblatt, dessen lateinische und deutsche Beschriftung Heinrich Eichler als „Inventore und Meister“ des Kabinetts ausweist, steht das Kleinmöbel auf einem üppig ausgestalteten Unterbau. Er dürfte zu jedem dieser Wandmöbel gehört haben. Sie sind pyramidal in Sockel-, Mittel- und Obergeschoss (dieses mit Räderuhr) gegliedert und mit einem reichen Figuren- und Bildprogramm ausgestattet. Das Prunkkabinett im zweiten Stock des Maximilianmuseums (Maße 90,3 x 66,1 x 32 cm) steht leider leer. Im Sockelgeschoss ist nur der ausziehbare Spiegel vorhanden. Das Schreib- oder Toiletteservice im Schubkasten fehlt. Im Mittelgeschoss sind die neun Schubkästen samt ihren zehn Geheimfächern sowie zwei schmale Schubkästen ebenfalls ohne ihren preziösen Inhalt. Im Obergeschoss mit der Krönungsfigur der Geometrie sind die Räderuhr, die Mondphasen- und die Datumsanzeige erhalten geblieben.

Wissenschaft und Kunst, Tugend und Liebe

Über alle drei Geschosse verteilt bilden elf Silberfiguren, neun Silbermedaillons, zwei Silberreliefs und zwei Tafelbilder ein allegorisches Programm für Wissenschaft und Kunst, Tugend und Liebe. Es figurieren Musik, Geometrie, Arithmetik und Rhetorik, ferner Urania, Terpsichore, Euterpe, Diana, Apollo, Arion, Minerva, Merkur, Leda, Juno, Paris und Venus. Das Thema des Paris-Urteils wiederholen die Tafelbilder rückseits der Mittelgeschosstüren.

Der Maler dieser beiden Bilder ist bisher nicht ermittelt. Die Silberarbeiten werden Johann Valentin Gevers und Johann Andreas Thelott zugeordnet, Uhrwerk und Zifferblatt dem älteren Georg Braun. Sie alle stehen für ein Kunststück, das, Behältnismöbel und Zeitmessgerät in einem, sogar zeremonielle Bedeutung als Hochzeits- und Staatsgeschenk gewann und als Ausstattungsstück einer untergegangenen Epoche noch heute zu uns spricht.

Aufschluss über das Thema gibt Christine Kowalski mit „Die Augsburger Prunkkabinette mit Uhr von Heinrich Eichler d. Ä (1637–1719) und seiner Werkstatt“. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 2011; 208 reich illustrierte Seiten, 68 Euro

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