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23.06.2017

ErsteWahl: Telemann.Dritte Wahl: Bach

Barockmusik Leipzig wollte einst bevorzugt Georg Philipp Telemann als Thomas-Kantor einstellen. Der sagte ab. Und erarbeitete sich in Hamburg eine ausstrahlende Machtposition

Ich habe mich nun von so vielen Jahren her ganz marode melodirt, und etliche Tausend mal selbst abgeschrieben, copirt, wie andere mit mir, mithin also draus geschlossen: Ist in der Melodie nichts Neues mehr zu finden, so muß man es in der Harmonie suchen.

Dies schrieb – mehr oder weniger lakonisch – der betagte Georg Philipp Telemann 1751 seinem Berliner Kollegen Carl Heinrich Graun.

Ja, Telemann war ein Vielschreiber. Er tat das, was im Barockzeitalter gang und gäbe war: Wiederaufbereitung, Wiederverwertung selbst verfasster Werke. Wer heute in die Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ schaut, stößt auf den seltsam anmutenden Umstand, dass weniger als 20 Druckseiten zu Telemanns Biografie und Wirken von mehr als 20 Seiten Werkverzeichnis – 3600 Stücke aller Gattungen – übertroffen werden.

Nur: Das Wort „Vielschreiber“ ist negativ belegt. Es diskreditiert Telemann von vornherein. Menge wird als Maßstab herangezogen, nicht Qualität – bei gleichzeitigem Wissen um viele verschollene Telemann-Werke. Auch Bach und Mozart waren Vielschreiber. Ihr künstlerischer Wert aber steht außer Frage. Telemanns Wert indessen – zu seiner Zeit unbestritten, nach seinem Tod rasch vergessen – harrt noch präziser ästhetischer Analyse, obwohl man sehr wohl weiß, dass er im fortgeschrittenen Alter noch den Epochenwechsel vom Barock zum empfindsamen Zeitalter musikalisch mit vollzog. Er war also ein Leben lang auf dem Damm.

Kurios, dass die deutsche Teilung in BRD und DDR die Einordnung von Telemanns Werk und Wirken noch zu verschleiern half: Der 1681 in Magdeburg geborene, bis in die Nachkriegszeit hinein weitgehend unerforschte Telemann sollte in der DDR seinen Kollegen Bach und Händel möglichst gleichgestellt werden. Ein Plansoll, das gewiss wichtige Forschungsergebnisse zeitigte, das nach 1989 aber auch kritisch zu hinterfragen war.

Gleichwohl gilt: Telemann war mit Bach und Händel befreundet und von diesen hochrespektiert. Händel nutzte Themen von Telemann, und Bach gab dem Freund seinen Filius Carl Philip Emanuel zum Patensohn. Das macht man nicht, wenn man jemanden nicht schätzt. Darüber hinaus: Telemann wurde europaweit gespielt, und er erhielt Auf- und Anträge aus ganz Europa. Bezeichnend, dass 1722 Telemann in Leipzig als erste Wahl für den Thomaskantor angesehen und dann Bach 1723 (als dritte Wahl nach Christoph Graupner) engagiert wurde. Damals war Telemann – nach Stationen in Eisenach und Frankfurt – bereits in Hamburg, wo er parallel zur Absage gen Leipzig seine Bedingungen verbessern konnte. Als „Director Musices“ hatte er hier sowieso eines der angesehensten musikalischen Ämter in Deutschland inne; zudem war er als Kantor für fünf lutherische Stadtkirchen zuständig.

1722 übernahm Telemann in Hamburg zusätzlich die Leitung der Oper, und 1728 gründete er hier auch die erste deutsche Musik-Zeitschrift. Aus seiner Hand stammen rund 50 Opern, wovon viele verloren gegangen sind. Zu den beliebtesten, heute wiederentdeckten gehören: „Der geduldige Sokrates“, der seit einigen Jahr wieder vollständige „Germanicus“ sowie „Pimpinone oder Die ungleiche Heirat“. Diese Ehe- und Mitgift-Groteske gilt als größter Heiterkeitserfolg Telemanns, dem privat von seiner zweiten Ehefrau übel mitgespielt wurde: Als verlustreiche Glücksspielerin brannte sie wohl mit einem schwedischen Generalleutnant durch.

(Selbst-)Ironie lag Telemann jedenfalls nicht fern. Auch nicht in der weltlichen Kantate „Der Schulmeister“ – überliefert nur in bearbeiteter Fassung. Wenn Richard Strauss in seiner „Ariadne auf Naxos“ singen lässt: „Und was die Einfälle anlangt, so steckt in meinem linken Schuhabsatz mehr Melodie als in dieser ganzen ,Ariadne auf Naxos’“, so erklärt der Schulmeister nach Darbietung einer Arie gegenüber seinen Schülern: „Das war ein rechtes Meisterstücke, dergleichen weder Telemann, noch [Johann Adolph] Hasse selbst zuwege bringen kann.“ Was aber Telemann, der am Sonntag vor 250 Jahren starb, noch im hohen Alter zuwege brachte: richtungsweisende (En-)Harmonik.

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